Ernährungswahn – Zwischen Gesundheit und Obsession

  • Donnerstag, 11. Januar 2018, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 11. Januar 2018, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 12. Januar 2018, 2:00 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 12. Januar 2018, 11:20 Uhr, SRF 1
    • Montag, 15. Januar 2018, 15:15 Uhr, SRF info

Von Lowcarb über Veganismus zu Paläo-Diäten, die Möglichkeiten, wie man sich heute ernähren kann, sind unendlich. Ein Zeitungsartikel jagt den anderen, auf Instagram, Facebook und in Chats werden neue Menus, gesunde Zutaten und hippe Diäten gepostet, dass einem der Kopf dröhnt.

Ein Film von Michèle Sauvain

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der jedes Lebensmittel jederzeit erhältlich ist. Umso absurder ist es, dass parallel dazu Essstörungen, Magersucht und Übergewicht zunehmen und viele Menschen nicht mehr wissen, wie sie sich oder ihre Kinder ernähren sollen. Woran liegt das? Welche Bedeutung messen wir der Ernährung plötzlich zu und warum spielt Essen in der Gesellschaft heute eine solch grosse Rolle? Diesen Fragen geht Autorin Michèle Sauvain in ihrem neusten Film nach.

Sylwina Spiess ist achtundzwanzig und Foodbloggerin. Fast 50’000 Leute folgen ihr auf Instagram und schauen sich täglich ihre Filmchen an. Darin zeigt sie, was sie zum Frühstück kocht, aber auch wie sie mit Hyatt-Chefkoch Frank Widmer ein Tofu selbst fabriziert, oder wie sie mit ihrer Community Sport treibt oder in einem hippen Restaurant lunchen geht. Zudem ist sie für Coop das Gesicht für eine neue Werbekampagne. Dafür stellt sie sich auch mal morgens um acht Uhr aufs Bellevue und fordert Passanten zum Tanzen auf. Weil sie einen Namen in der Blogger-Szene hat, wird sie für solche Aufträge mittlerweile so gut bezahlt, dass sie davon leben kann. Das Fotomodell steht für eine neue Generation von gesunden, sportlichen und erfolgreichen Menschen. Aber sie bringt viele durchschnittliche Frauen in Not, die es punkto Aussehen mit ihr nicht aufnehmen können.

Sabrina leidet seit mehr als einem Jahr an Magersucht. Die zierliche 20-Jährige ist sportlich und hatte schon immer eine gute Figur, trotzdem liess sie sich von Instagram-Posts beeinflussen, trieb immer extensiver Sport und nahm ab um mithalten zu können, bis sie nur noch 36 Kilogramm wog. Sylwina folgt sie schon lange auf Instagram und ist überglücklich, als sie die Bloggerin zufällig trifft.

Yaren hingegen hat das umgekehrte Problem. Nachdem sie sich bereits mit vierzehn von 100 Kilo auf 54 Kilo herunter gehungert hat, steht sie heute wieder am gleichen Punkt. Sie muss abnehmen und findet endlich den Mut, die Ernährungsberaterin, die ihr damals geholfen hat, erneut um Hilfe zu bitten. Aber abnehmen und Ernährungsgewohnheiten umstellen ist mühevoll und beschwerlich, es geht nur langsam voran und die ersten 12 Kilos sieht man fast nicht, meint die 19-Jährige frustriert.

Ernährungswissenschaftlerin Marianne Botta kennt viele solche Fälle und findet, Ernährung sei heute für viele Menschen eine Art Religionsersatz geworden. Viele sähen darin eine Möglichkeit, in einer individualisierten, aber instabilen Welt Halt und Kontrolle zu finden. Die achtfache Mutter stellt vor allem auch bei Eltern eine grosse Verunsicherung fest und hält oft Vorträge in Schulen. Bei den Ernährungsberatungen und Workouts, die sie anbietet, fällt ihr aber auch auf, dass der Druck nicht nur auf den Jungen lastet. Sie hat viele Klientinnen und neuerdings vor allem auch Klienten in den 50igern. Selbst in diesem Alter scheint gesunde Ernährung für Glück zu stehen. Was kann man dieser Entwicklung entgegenhalten und wie finden wir wieder zu einer guten, aber stressfreien Ernährung zurück? Ein Film über Auswüchse einer Überflussgesellschaft und Tricks und Tipps sich von deren Nebenwirkungen zu befreien.

Autorin: Michèle Sauvain
Kamera: Tobias Buchmann
Ton: Silvio Anania
Schnitt: Hedwig Bäbler
Produktionsverantwortung: Monika Zingg
Leitung: Belinda Sallin

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