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Wie sieht die Alp in Zukunft aus?
Aus Treffpunkt vom 10.07.2020.
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Die Zukunft der Alpwirtschaft «Wenn es so weitergeht, ist der Alpkäse in Gefahr»

Die Alp gehört zur Schweiz. Sie prägt Landwirtschaft und Landschaft. Die Alpen sind Kulturerbe, Teil des Images der Schweiz und ein beliebtes Touristenziel.

Doch die Sömmerungsgebiete stehen vor grossen Herausforderungen. «Die Alpwirtschaft lebt, steht und fällt mit den Tieren», sagt Alpexerte Daniel Mettler. Der Strukturwandel im Tal habe grosse Auswirkungen auf die Alp.

Daniel Mettler

Daniel Mettler

Teamleiter Ländliche Entwicklung

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Daniel Mettler (48) arbeitet seit 2004 bei Agridea, der landwirtschaftlichen Beratungszentrale der kantonalen Fachstellen. Seine Fachgebiete sind die Landwirtschaft im Berggebiet und der Herdenschutz. Der studierte Philosoph pachtete sieben Jahre lang eine Schafalp bei Braunwald und lebte 2011 mit seiner Familie inklusive drei Kindern und zehn Herdenschutzhunden einen Sommer lang auf einer Alp bei Les Diablerets.

SRF: Aktuell gibt es 6682 Alpbetriebe. 2003 waren es noch 7472. Gibt es ein Alpsterben?

Daniel Mettler: Das ist übertrieben. Dank der politischen Gegensteuer und der finanziellen Unterstützung für die Sömmerung blieb die Anzahl Tiere relativ konstant. Es gab Fusionen von Betrieben. Es sind ähnliche Entwicklungen wie im Tal. Das ist aber auch die grosse Herausforderung.

Wie meinen Sie das?

Kuh ist nicht gleich Kuh. Was sich auf den Höfen abspielt, widerspiegelt sich auf den Alpen. Hochleistungskühe, die sich an eine ausgeklügelte Fütterung gewöhnt haben, passen nicht auf die Alp.

Der Strukturwandel im Tal spiegelt sich wiederum auf der Alp.
Autor: Daniel MettlerAlpexperte bei Agridea

Tiere, die in Laufställen gehalten werden, verhalten sich natürlicher, sind sich aber den Kontakt mit den Bauern nicht mehr gewohnt. Für das Alppersonal sind sie anspruchsvoller. Am deutlichsten merkt man den Strukturwandel aber bei den Mutterkühen.

Mutterkühe und Milchkühe

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Zwei Kühe auf der Alp
Legende:Ein Kalb und eine Mutterkuh in Tenna im Safiental.Keystone

Mutterkühe dienen nicht der Milch-, sondern der Fleischproduktion: Sie ziehen Kälber auf.

  • Zwischen 2008 und 2018 stieg die Anzahl Mutterkühe auf der Alp um 54%.
  • Im gleichen Zeitraum gab es einen Rückgang der Alpen mit Milchverwertung um 18.3% (2008: 1648 Betriebe, 2018: 1364 Betriebe).
  • Im Kanton Graubünden waren im Sommer 2019 erstmals mehr Mutterkühe als Milchkühe auf der Alp.
  • Alpkäse macht circa 3% des Schweizer Käses aus.

(Quellen: Alpfutur, Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verband)

Die Anzahl Mutterkühe auf der Alp stieg innerhalb von 10 Jahren um über 50%. Welche Folgen hat das?

In Graubünden sind schon mehr Mutterkühe als Milchkühe auf der Alp. Ohne Milchkühe keine Alpmilch. Wenn es so weitergeht, ist der Alpkäse, das Aushängeschild der Alpen, in Gefahr. Ohne Milch kein Alpkäse. Doch der ist enorm wichtig für das Image der Alpen und lässt sich vermarkten.

Was sind weitere Auswirkungen dieser Entwicklung?

Es gibt Weidekonflikte. Mutterkühe schützen ihre Jungtiere. Man sieht ein verändertes Verhalten auf der Weide. Seit längerem wird mit Kampagnen darauf aufmerksam gemacht. Mehr Vorsicht ist geboten, aber viele Wanderer kennen den Umgang mit Tieren nicht mehr.

Diesen Sommer erwartet man viele Gäste auf den Alpen - Fluch oder Segen?

Beides. Viele haben ein Alpbeizli, verkaufen Produkte. Während Spitzenzeiten kann es zu Reibungen kommen. Respekt ist wichtig. Der eine arbeitet, der andere sucht Erholung. Die Touristen müssen das Privatleben der Älpler respektieren. Das Wirten ist nicht jedem gegeben.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel?

Touristisch kann er für die Alpen als etwas kühlere Erholungsgebiete eine Chance sein. Negativ sind die zunehmenden Wetterextreme, die bringen Mehrkosten mit sich. Wir erinnern uns an die Trockenheit. Die Sömmerungsgebiete brauchen ein schlaues Wassermanagement. Viele Projekte wurden schon realisiert.

Die Alp in Zahlen

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Alp bei Prato in der Leventina
Legende:Eine Alp bei Prato in der Leventina.Keystone

Dank der natürlichen Futtergrundlage der Sömmerungsweiden können rund 10% mehr Tiere gehalten werden, als wenn die Alpen nicht genutzt würden.

  • In der Schweiz gibt es 6682 Sömmerungsbetriebe. (Stand 2018). 95% der Alpen liegen zwischen 1000-2500m ü.M. Das tiefste Sömmerungsgebiet liegt auf 398m.ü.M.
  • Die 4655 Quadratkilometer Sömmerungsweiden entsprechen rund einem Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche oder circa 11% der Landesfläche.
  • Die Waldfläche im Sömmerungsgebiet nimmt zu, pro Jahr um rund 1300ha. Dies entspricht etwa der Fläche des Sempachersees. (Schnitt 2006 - 2017)
  • Rund 15'000 Älplerinnen und Älpler ziehen jedes Jahr auf die Alp. Im Kanton Graubünden stammt ein Drittel aus dem Ausland.
  • Rund 700'000 Tiere verbringen den Sommer auf der Alp.

(Quellen: WSL, Agrarbericht BLW, Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verband, Alpfutur.)

Ist die Verbuschung immer noch ein Thema?

Gewisse Alpen werden nicht mehr intensiv bewirtschaftet. In peripheren Gebieten verlieren wir Weidefläche im Sömmerungsgebiet. Die Natur gibt den Takt vor.

Die Natur gibt den Takt vor. Ich beurteile das neutral. Es ist nicht schlimm, aber oft irreversibel.
Autor: Daniel MettlerAlpexperte bei Agridea

Wir müssen uns dessen bewusst sein und uns fragen, was für eine Landschaft wir wollen.

Hat die Alp eine Zukunft?

Ich bin zuversichtlich. Sie ist sowohl bei der Berg- als auch bei der Stadtbevölkerung in den Köpfen verankert. Wir spüren nach wie vor eine grosse Motivation, auch bei Jungen auf der Alp zu arbeiten. Die Alpwirtschaft lebt. Sie ist eine Lebensschule. Die Alp ist nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein ideeles System mit viel Symbolik.

Der Konkurrenzvorteil der Alp ist die analoge Welt.
Autor: Daniel MettlerAlpexperte Agridea

Sie ist der Gegenpol zur Hektik. Ihr Konkurrenzvorteil ist die analoge Welt. Auch wenn in Zukunft vermehrt Drohnen oder Tracker eingesetzt werden für die Lokalisierung der Tiere, der Arbeitsrythmus wird sich nicht revolutionieren.

Das Gespräch führte Fabio Flepp.

Radio SRF 1, Montag 6. Juli, 11:40 Uhr;

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