Zum Inhalt springen

Header

Audio
Hat man die Pflegeheime sich selbst überlassen?
Aus Forum vom 09.04.2020.
abspielen. Laufzeit 55:16 Minuten.
Inhalt

Coronakrise Hat man die Pflegeheime sich selbst überlassen?

Pflegeheime hatten es nie leicht. In Coronazeiten haben sie es richtig schwer. Es fehlt an vielem.

Hat man die Pflegeheime einfach vergessen? Hier geht es zur Online-Diskussion!

Vielerorts fehlen dem Pflegepersonal die Schutzmasken. «Die Mutter eines Kollegen näht jetzt Masken», erzählt eine Pflegerin gegenüber Radio SRF 1. «Desinfektionsmittel, was ist das?!», fragt ein Pfleger bitter auf Anfrage, «wir wurden einfach vergessen».

In Zeiten der Dankbarkeit für alle, die an der Front stehen, vergisst man oft, wie schwierig die Situation für diejenigen ist, welche nichts mehr "leisten oder bewegen" können. Danke an alle Bewohner, die das alles ertragen, obwohl sie es teilweise nicht mal verstehen können.
Autor: Liliane HofmannPflegefachfrau HF, Pflegeinstitution Kanton Bern

Pflege auf Distanz geht nicht

«Wir müssen uns selber helfen», sagt ein Pflegeheimleiter und lobt seine Mitarbeitenden. «Sie tun alles, um den Bewohnern den Alltag erträglich zu machen.» Nicht einfach, denn etliche Pflegeheime müssen mit weniger Personal auskommen, weil dieses selber erkrankt ist.

Diskussionssendung «Forum»

Diskussionssendung «Forum»

Hat man die Pflegeheime einfach vergessen?

Diese Frage diskutierte Radio SRF 1 am Donnerstag Abend, 9. April 2020, Sendung «Forum».

Gäste in der Sendung waren:

  • Liliane Hofmann, Pflegefachfrau HF, Pflegeinstitution Berner Seeland
  • Rudolf Hauri, Dr. med. Kanton Zug, Präsident Kantonsärztinnen und -ärzte
  • Franziska Schranz, Geschäftsführerin, Pro Senectute Haus Frutigen und Haus Reichenbach

Simone Bertogg, Präsidentin des Pflegeverbandes Langzeit Schweiz hört von Pflegenden Beunruhigendes. Masken und Schutzkleider seien zum Teil kaum vorhanden.

Man hat erst an die Spitäler gedacht und die Situation in der Langzeitpflege ausser acht gelassen. Obwohl dort die verletzlichsten Menschen leben.
Autor: Simone BertoggPräsidentin Pflegeverband Langzeit Schweiz

Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte sagte gegenüber Radio SRF, man habe die Pflegeheime im Vorfeld nicht kontrolliert, ob sie den Empfehlungen des Bundes in Sachen Pandemieplan nachgekommen seien. Sonst hätte man wohl Mängel frühzeitig entdeckt. Aber eben, eine Empfehlung ist keine Vorgabe.

Wir haben die Pflegeheime nicht im Stich gelassen. Aber sie waren nicht zuoberst auf der Prioritätenliste.
Autor: Rudolf HauriKantonsarzt ZG, Präsident der Schweizer Kantonsärztinnen und -ärzte

Corona im Pflegeheim

Das Pflegeheim ist ein kleiner Kosmos. Es arbeiten jüngere und ältere Fachkräfte und Praktikanten zusammen. Der technische Dienst, die Mitarbeiter in der Küche, die Verwaltung, sie alle gehören zum Heimalltag. Kein Wunder also, kann sich das Virus ins Pflegeheim einschleichen.
Im Berner Jura zum Beispiel sind 29 Personen im Pflegeheim an Covid-19 erkrankt. 20 Bewohner und 9 Pflegende. Auch aus anderen Kantonen werden Coronafälle im Pflegeheim gemeldet. Im Wallis zum Beispiel lebte fast jede zweite Person, die an Covid-19 gestorben ist, im Pflegeheim.

Bewohner und Angehörige leiden

Es fehlen aber auch die Angehörigen und Freiwilligen. Das Besuchsverbot des Bundes gilt nun seit drei Wochen. «Im Heim schauen sie gut zu Vater», erzählt ein Sohn, «doch der Vater kann überhaupt nicht verstehen, dass wir nicht zu seinem 90. Geburtstag zu Besuch kommen». Es sind nicht einfache Situationen für die Bewohner und ihre Angehörigen, sagt Albert Wettstein, ehemaliger Kantonsarzt. Aber nötig.

Pflegeheime wurden nicht vergessen. Man hat mit dem Besuchsverbot eine wirkungsvolle Massnahme getroffen.
Autor: Albert WettsteinUnabhängige Beschwerdestelle für das Alter, ehemaliger Kantonsarzt ZH

Liliane Hofmann, selber Pflegefachfrau, kennt die Situation auch aus der Perspektive der Angehörigen. Wenn ihre Mutter mehrmals täglich anrufe und tief beunruhigt sei, warum man nicht mehr zu Besuch komme, sei das nicht einfach auszuhalten, sagt sie. Es sind schwierige Zeiten – für alle.

Radio SRF 1, 7. April, Forumsteaser

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Myriam Reinhard Ingold  (Myriam Reinhard)
    Auch die Aktivierungsfachpersonen arbeitet in den Pflegeheimen und versuchen trotz des Coronavirus die Bewohnenden zu betreuen, wenn möglich zu aktivieren und die sehr einschränkenden Massnahmen möglichst erträglich zu machen. Die Stimmung wird zunehmend bedrückter. Das Bedürfnis nach Kontakten nimmt zu. Meine Arbeit beinhaltet momentan Besuche bei den Bewohnenden: Gespräche, Skype, Natur ins Zimmer bringen, singen, Gedächtnistraining, Bewegen, Kontakt unter den Bewohnenden ermöglichen...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rahel Müller  (rahelm)
    Teil 2: Da wir in der Pflege den Bewohnern sehr nahekommen (Intimpflege usw.), ist es so kaum möglich, nicht kontaminiert zu werden. Ich verstehe nicht, warum bei der Verteilung von Material und Personal nicht darauf geschaut wurde, wer akut Unterstützung braucht. Mir fehlt da die Wertschätzung gegenüber den alten Menschen und dem Personal in Langzeitinstitutionen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rahel Müller  (rahelm)
    Teil 1: Ich arbeite als Pflegefachfrau in einem Pflegeheim welches früh von Covid-19 betroffen war, als bei Medien und Ämtern der Fokus noch gar nicht bei den Pflegeheimen war. Obwohl sehr gut vorbereitet, stossen wir jetzt an unsere Grenzen. Es ist schwer, demente Bewohner zu isolieren. Der Personalschlüssel in Pflegeheimen ist immer extrem knapp und jetzt fehlt zusätzlich Personal durch Quarantäne. Das Material ist knapp geworden, vieles haben wir gar nicht erst bekommen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen