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Das Buch «Die zehn Lieben von Nishino» von Hiromi Kawakami steht vor einem Aquarium, dahinter schwimmen Fische
Legende: Mentales Floating Hiromi Kawakamis Roman «Die zehn Lieben von Nishino» reisst Annette König aus ihrem hektischen Alltag und versetzt sie in einen Zustand tiefster Entspannung. Dafür gibt's fünf Kronen. SRF
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Die BuchKönig bloggt Diese Japanerin schenkt mir Ruhe

Völlig abgedreht: Hiromi Kawakamis neuer Roman «Die zehn Lieben von Nishino» macht mir Lust in ein Aquarium zu starren. In die faszinierend-blubbernde Welt von Süsswasserfischen. Ich beobachte nur, denke an nichts. Staune, entspanne. Und das ist wirksamer als jede andere Meditationsmethode!

Nishino ist ein Womanizer. Single, erfolgreich, gutaussehend. Mit grossen dunklen Augen und sanfter Stimme. Eine seiner Geliebten vergleicht ihn mit einem Goldfisch im Glas, dem kein langes Leben beschieden ist. Eine andere mit einer Marimo-Alge, einer Kugel aus samtigem, grünem Moos, die einsam auf dem Grund eines Sees liegt. Einsam ist Nishino tatsächlich. Tief drin sehnt er sich nach seiner verstorbenen Schwester. Um diese Leere zu stopfen, braucht Nishino ständig einen Schwarm weiblicher Fische um sich. Frauen wie Natsumi, Shiori, Manami, Kanoko, Reiko, Subaru, Eriko, Sayuri, Ai oder Nozomi.

Bewertung: fünf Kronen

Bewertung: fünf Kronen

Sinnlich, feinfühlig, rätselhaft

Nishinos Geliebte wissen voneinander. Sie spielen das mehrgleisige Liebespiel mit. Lernen Genügsamkeit wie Fische im Aquarium. Wenn ein bisschen Liebesnahrung kommt: schön, wenn nicht: weiter nicht schlimm. Und wenn die Marimo-Alge gerade alleine ist, dann nichts wie hin. Doch zu allem sind die Fischlein nicht bereit. Entbrennt eine zu Nishino in wahrer Liebe wird Schluss gemacht. Zu grausam und quälend ist das Wissen, dass Nishino niemals treu sein kann.

Zeichnung eines Goldfisches und einer Marimo-Alge
Legende: Blickfang und Glücksbringer Ein Goldfisch gilt in Japan als Glücksbringer. Doch er sollte nicht alleine in einem Glas gehalten werden. Auch wenn das schön aussieht. Goldfische brauchen nämlich einen Kompagnon und Bewegungsfreiheit. Das haben mir meine Töchter erklärt, die seit dem Aquariumsbesuch in Lausanne von Fischen angefressen sind. SRF

Daumen rauf

  • Meditativ. Hiromi Kawakami ist Meisterin in der Kunst über die Liebe zu schreiben. Sie spielt mit Symbolen, Assoziationen und dem Unterbewussten. Verwebt Übersinnliches mit Alltäglichem.
  • Kunstvoll. In zehn eigenständigen Kapiteln, die zusammen einen Roman bilden, erzählen zehn Frauen von ihrer Beziehung zu Nishino. Wie bei einem Puzzle setzt sich so langsam ein Bild zusammen. Ich lerne Nishino als Junge kennen, der gerne durch Kanalrohre kriecht und Mädchen küsst. Als Student, der von einem Bett zum nächsten hüpft. Als stürmischen Liebhaber, der seine Vorgesetzte auf den Konferenztisch drückt und ihr die Bluse aufknöpft. Als Hobbykoch, der in einem Kurs für energiesparendes Kochen eine verheiratete Frau vernascht. Und als reifen Mann, der sterben möchte mit seiner jungen Geliebten, die aber null Bock darauf hat.
  • Rätselhaft. Bis zum Schluss weiss ich nicht, was ich von Nishino, der samtigen Marimo-Alge, halten soll. Diesem japanischen Frauenflüsterer, der das weibliche Geschlecht mit zarter Erotik - «ohne Waffen, ohne Zähne, ohne Klauen» - fügsam macht. «Ein Mann, der die Wünsche einer Frau erraten konnte, ohne dass sie selbst davon wusste, denn er war in der Lage, aus ihrem Inneren zu schöpfen.» Huch.
  • Faszinierend. Ich erfahre viel über Essen, Lebensgewohnheiten, Geschlechterrollen, Beziehungsmuster, Symbole und Rituale in Japan.
  • Minimalistisch. Kawakami schreibt in einer schlichten, klaren, reduzierten, fliessenden Sprache. Die Gefühle ihrer Figuren bringt sie mit wenigen Worten zum Ausdruck. Diese Fähigkeit spricht Bände.
  • Zeitgemäss. «Die zehn Lieben von Nishino» ist ein Buch über die Flüchtigkeit moderner Liebe. Über Individualität, Bindungsangst und One-Night Stands.

Daumen runter

Blubb Blubb...

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Der  Roman «Die zehn Lieben von Nishino» von Hiromi Kawakami liegt auf einem Tisch, angelehnt am Buch ein japanisches  Melonpan - ein weiche Biskquitkugel.
Legende: Kein Fischfutter! Annette König hat «Die zehn Lieben von Nishino» wie ein frisch gebackenes, japanisches Melonpan genossen. SRF

Die Autorin

Hiromi Kawakami ist 1958 in Tokio geboren. Sie hat Naturwissenschaften studiert und Biologie unterrichtet, bevor sie mit dem Schreiben begann. Heute zählt sie zu den populärsten Schrifstellerinnen Japans. Bei Hanser erschienen die Romane «Der Himmel ist blau, die Erde ist weiss» (2008), «Herr Nakano und die Frauen» (2009), «Am Meer ist es wärmer» (2010) und «Bis nächtes Jahr im Frühling» (2013).

Das Buch: Hiromi Kawakami: «Die zehn Lieben von Nishino» (2019, Hanser)

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Annette König

Annette König

SRF Literatur Redaktorin & Bloggerin

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Die Germanistin teilt in ihrem Blog «Die BuchKönig» ihre Lese-Leidenschaft mit allen, die Bücher lieben. Nebenwirkungen wie Herzklopfen, Melancholie, Heiterkeit, Verzauberung, Unbehagen und Anzeichen schwerer (Sprach)Verliebtheit sind nicht ausgeschlossen.

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