Zum Inhalt springen

Header

Audio
Sozialer Wohnungsbau: Die Idee ist ursprünglich bürgerlich
Aus HeuteMorgen vom 07.01.2020.
abspielen. Laufzeit 01:49 Minuten.
Inhalt

Mietwohnungs-Initiative Günstiger Wohnraum war eigentlich eine bürgerliche Idee

Bezahlbar wohnen: Den Anfang machten die Arbeitersiedlungen der Textil- und Metallindustriellen im 19. Jahrhundert.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde es in Schweizer Städten eng – Fabriken zogen Menschen an, doch günstiger Wohnraum fehlte. So initiierten Industrielle erste Bauprojekte.

In den industriellen Zentren der Schweiz entstanden ab 1850 Arbeitersiedlungen, welche Industrielle bauen liessen, um der Wohnungsnot entgegenzutreten. Diese Bauten entstanden ohne direkte Gewinnabsichten – durchaus aber mit indirekten, da die Arbeiterfamilien auf diese Weise in geordneten Verhältnissen in Fabriknähe untergebracht waren.

Treibende Kraft dahinter waren die Textil- und Metall-Industriellen, wie zum Beispiel Rieter in Winterthur.

Die Rietersiedlung in Winterthur

Textbox aufklappenTextbox zuklappen
Blick auf die Rietersiedlung in Winterthur
Legende:Die Rietersiedlung ist die älteste, noch vollständig erhaltene Arbeitersiedlung der Schweiz.SRF
  • 1870 entsteht in Winterthur mit der Rietersiedlung eine der ersten Werksiedlungen der Schweiz. Der Industrielle Heinrich Rieter will kein «Casernen-System», in welchem viele Menschen unter einem Dach leben. Das gebe Streitigkeiten, schreibt er an den Stadtrat.
  • Vielmehr plant Rieter eine Reihe von kleinen Häusern mit Pflanz-Möglichkeit, weil die Bewohnerinnen und Bewohner so ein Interesse hätten, es innen und aussen reinlich zu halten.
  • Er baut erst zwei Doppelwohnhäuser, später setzt er die Idee der Wohnhaus-Reihe entlang der Rieterstrasse um – zu jeweils 55 Quadratmeter und 180 Franken Miete pro Jahr. Ein Verlustgeschäft für den Industriellen mit rund 800 Angestellten um die Jahrhundertwende, denn die Miete reicht nicht für den Unterhalt der Häuser. Doch Rieter sichert sich so Nachwuchs.
  • Obwohl für die einfachen Arbeiterfamilien gebaut, wohnen in den 1890er-Jahren vor allem die besser gestellten Angestellten wie die Werk-Führer, Handwerker oder Aufseher in den fabrikeigenen Häusern.
  • Diese Gebäude sind heute noch erhalten, als älteste vollständig intakte Arbeitersiedlung der Schweiz stehen sie unter Denkmalschutz.
  • Nach fabrikeigenen Bauten schliessen sich verschiedene Industrielle zusammen zur «Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser»: Rieter, Sulzer, die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik SLM und die Hilfsgesellschaft bauen zusammen ab 1872 neuen günstigen Wohnraum in der Industriestadt.
  • In jenen Jahren wächst Winterthur um über 10.000 Menschen auf 26.000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Etwas später entstanden auch die ersten Wohnbaugenossenschaften. Um die Jahrhundertwende orientierte sich die Architektur solcher Arbeitersiedlungen am englischen Modell der Reihenhäuser mit Garten und nicht selten gemeinsamem Raum im Innern – Spielmöglichkeiten, Kindergarten und Waschhaus.

Auch kam das Modell der Gartenstadt mit mehr Grün und dorfähnlichem Charakter hinzu, welche zumindest teilweise in verschiedenen Schweizer Städten noch existieren. Hier engagierten sich soziale Vereine wie etwa die Hilfsgesellschaft und erste Wohnbaugenossenschaften.

Für den sozialen Frieden

Für die liberale Oberschicht jener Zeit waren Arbeitersiedlungen eine Möglichkeit, die Familien der Arbeiterinnen und Arbeiter zur Selbsthilfe und zum hygienischen Leben zu erziehen. Gleichzeitig waren sie mit dem Wohnraum quasi an die Arbeitgeberin gebunden.

Motivation war ausserdem der soziale Frieden: Wer neben der Arbeit ein Dach über dem Kopf hat, wird sich weniger aufwiegeln und zu Protestaktionen und Streiks der Arbeiterbewegungen hinreissen lassen, welche in jenen Jahrzehnten stärker wurde.

Der bezahlbare Wohnraum aus bürgerlicher Sicht war somit eine Antwort auf alle gesellschaftlichen Probleme der Zeit und so gesehen eine gute Investition.

Die Mietwohnungs-Initiative

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Die Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» des Mieterinnen- und Mieterverbands will den Bund verpflichten, zusammen mit den Kantonen das Angebot an preisgünstigen Mietwohnungen zu fördern.

Mindestens 10 Prozent der neu gebauten Wohnungen müssten im Eigentum von Trägern des gemeinnützigen Wohnungsbaus sein. Das soll unter anderem mit Vorkaufsrechten für Kantone und Gemeinden erreicht werden. Zudem dürfen Fördermassnahmen für Sanierungen nicht zum Verlust von preisgünstigen Mietwohnungen führen.

Bundesrat und Parlament lehnen das Volksbegehren ab. SP und Grüne unterstützen die Initiative. Ein überparteiliches Nein-Komitee von Vertretern der Mitte-rechts-Parteien CVP, BDP, GLP, FDP und SVP kämpft dagegen.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Wir informieren laufend über die aktuelle Entwicklung und liefern Analysen zum Coronavirus. Erhalten Sie alle wichtigen News direkt per Browser-Push. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Kaiser  (Klarsicht)
    Wo sich Spekulanten um den Mammon reissen, ist jede gute Idee in Gefahr Zerrüttet zu werden. Es sind dieselben Kräfte, die auch gegen eine seriöse AHV sind. Da liegt auch ein Feld für die Sozaialparteien,
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ramon Frey  (Ramon Frey)
    Es wurde nahe an den Arbeitsplätzen gebaut! Wieso macht man das heute nicht mehr?
    In der Stadt zürich muss man für jeden zusätzlichen Stock kämpfen, schon klar dass wohnungsnot herrscht und die preise steigen...
    Ich sage nicht dass einfach chaos herrschen und alles zugebaut werden soll, aber die Stadt ist mitverantwortlich für das problem und will dann mit für den steuerzahler teuren genossenschaftswohnungen ein lösung anbieten...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Jean-Pierre Simon  (Jean-Pierre Simon)
    Die Worte, 'Wenn es anderen gut geht, geht es auch uns gut' die Bundesrätin S. Sommaruga in ihrer Neujahrsansprache sprach, müssen schon immer in der Gesellschaft gegenwärtig gewesen sein, wenn es um ein soziales Zusammenleben ging. Dass sie nicht überall sinngemäss richtig verstanden werden, zeigt die Macht der Gier, Ausgleich u. -gewogenheit erodiert.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen