Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Beat Zemp: «Schulsozialarbeit muss ausgebaut werden» abspielen. Laufzeit 04:27 Minuten.
04:27 min, aus Rendez-vous vom 15.05.2019.
Inhalt

Gewalt gegen Lehrer «Aggression ist in unserer Gesellschaft positiv konnotiert»

Berichte über Gewalt an Schulen häufen sich. In Luzern prügelt ein 17-jähriger Schüler seine Lehrerin spitalreif, ein anderer zieht im Kanton Zürich eine Bandenstruktur auf und terrorisiert eine ganze Schule, ein 6-Jähriger begrüsst seine Lehrerin mit Grüezi Frau «Figg Di Litsch». Eine Studie aus Deutschland zeigt zudem, dass über 53 Prozent der Lehrer unter 40 Jahren nicht über dieses Thema sprechen möchten. Beat Zemp, oberster Lehrer der Schweiz, fordert eine offene Diskussion.

Beat Zemp

Beat Zemp

LCH-Präsident

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Beat Zemp ist Lehrer für Mathematik und Geographie am Gymnasium Liestal. Zugleich sitzt er als Präsident dem Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH vor.

SRF News: Gewalt gegen Lehrer ist offenbar ein Tabuthema. Ist die Dunkelziffer in der Schweiz höher als man denkt?

Beat Zemp: Ich kann mir vorstellen, dass es bei einer Umfrage, wie wir das vorgesehen haben, vergleichbare Resultate wie in Deutschland geben wird. Aber das Ausmass verbale oder tätlicher Gewalt kennen wir nicht.

Was erhoffen Sie sich von der Untersuchung?

Einerseits wollen wir Zahlen haben, wie viele Schulen betroffen sind und wie viele Fälle es gibt.

Es gibt problematische familiäre Verhältnisse, bei denen den Kindern keine Grenzen gesetzt werden und die Kinder keinen Respekt gegenüber den Eltern haben.

Bei einer Umfrage vor 15 Jahren stellten tätliche Angriffe eine absolute Ausnahme dar. Nun haben wir in den letzten Monaten eine Häufung solcher Fälle gesehen. Wir möchten das Thema enttabuisieren.

Wie erklären Sie sich diese Wut, diese Aggressionen und offensichtlich auch den mangelnden Respekt vor Lehrpersonen?

Zum einen gibt es problematische familiäre Verhältnisse, bei denen den Kindern keine Grenzen gesetzt werden und die Kinder keinen Respekt gegenüber den Eltern haben. Das setzt sich dann in der Schule fort. Zum anderen, das macht mir mehr Sorgen, ist das Thema Aggression in unserer Gesellschaft positiv konnotiert.

Schulzimmer von innen.
Legende: Immer wieder kommt es zu tätlichen Angriffen von Schülern auf Lehrer. Keystone

Denken Sie an den Sport: Wenn ein Fussballverein verliert, ist er zu wenig aggressiv gegen den Gegner aufgetreten. Auch in der Wirtschaft muss man aggressiv am Markt auftreten. Ebenso in Filmen und im Internet, wo Gewalt permanent vorhanden ist. All das hat eine Wirkung auf die Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen.

Welche Folgen sehen Sie für die berufliche Zukunft solcher problematischer Schüler?

Wenn tätliche Angriffe vorkommen, muss die Jugendanwaltschaft eingeschaltet werden, allenfalls auch die Kesb. Das macht man aber erst, nachdem alle Möglichkeiten wie Schulsozialarbeit oder auch Kriseninterventions-Teams ausgeschöpft wurden.

Die Fälle, die wir besprochen haben, sind vor allem verhaltensauffällige Schüler, die von der geistigen oder körperlichen Verfassung her völlig normal sind.

Es gibt aber Fälle, bei denen es nicht mehr geht. Das sind tätliche Angriffe und gehören vor das Jugendstrafgericht.

Ist die Idee von integrierten Klassen gescheitert und braucht es möglicherweise wieder Sonderklassen?

Die Idee der Integration ist gut. So viel Integration wie möglich – aber eben auch so viel Separation wie nötig. Man kann nicht alle in eine Regelklasse integrieren. Es geht aber nicht nur um Schülerinnen und Schüler mit besonderen Lernbedürfnissen, sondern auch um Verhaltensauffällige. Die Fälle, die wir besprochen haben, betreffen vor allem verhaltensauffällige Schüler, die von der geistigen oder körperlichen Verfassung her völlig normal sind. Das macht uns Sorgen.

Mann mit Schnurrbart.
Legende: Beat Zemp findet, dass nicht alle Schüler in eine Regelklasse integriert werden können. Keystone

Gibt es eine Möglichkeit, diese Schüler zu separieren?

Ja wir haben etwa zehn Jahre Erfahrung mit dem Konzept des Time-Outs, das für schwierige Fälle gedacht ist. Es gibt auch neue Konzepte wie die Schul-Insel. Schüler können dort eine Lektion oder einen Vormittag verbringen. Dort werden sie von Sozialarbeitern und Lehrpersonen betreut und bekommen gezielt Hilfe. Sie sind weg von der Klasse und man kann den Unterricht in Ruhe fortsetzen.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

50 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hanspeter Müller  (HPMüller)
    Von gewissen politischen Kreisen wird die Autorität der Lehrer mit öffentlichen Listen mit Fallbeispielen gezielt untergraben. Es werden Behauptungen über politische Indoktrination und Beeinflussung aufgestellt und mit öffentlichem Pranger gedroht. Wenn dann ein Schüler das Gehörte mit Gewalt an Lehrern auslebt, versuchen genau dieselben Kreise dann einmal mehr den Migranten die Schuld zu zu schieben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
      den Migranten die Schuld zu zu schieben... das wohl nicht ganz zu Unrecht... denn wer aus einem Krisengebiet kommt ist als Kind mit Gewalt aufgewachsen.. und koerperliche Gewaltsbeispiele sind sehr lehrreich.. die Auswirkungen sieht man dann an normalen Schulen. Wie gesagt, ich moechte heutzutags weder Kind noch Lehrer sein....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Die klassische Familie gibt es kaum mehr.. Kinder sind sich alleine ueberlassen, und den monstroesen Couterspielen die nichts als Gewalt verherrlichen , vermitteln... Den Lehrern wird jede Autoritaet genommen.. durch Gesetze.. und wenn man Schueler abstraft, kommt alsbald der Jurist ins Spiel...
    Und dann spielen wohl auch andere kulturelle Hintergruende eine Rolle... ich moechte heute jedenfalls weder Schulkind noch Lehrer sein...da haben wohl beide viele Probleme
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
      soll heissen: Computerspiele....sorry
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Wenn ich unsere Kinder mit uns Eltern vergleiche, denke ich, dass unsere Kinder schon viel früher gelernt haben - oder lernen mussten - mit Agressionen konstruktiv, deeskalierend und richtig umzugehen.
    Ein höheren Agressionspotential in der Schule - sofern die Lehrkräfte diesem gewachsen sind - muss nicht unbedingt nur schlecht sein, wenn in einem geschützen Kontext geübt werden kann, was ev. später einmal den Arbeitsplatz oder die Familiäre Beziehung kosten könnte.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      "Ein höheres Agressionspotential" in der Schule ist nicht einfach so gegeben, das bringen die Kinder von zuhause mit in die Schule! Die Eltern nehmen sich die Zeit nicht mehr für ihre Kinder, sie haben "wichtigeres" zu tun. Arbeiten, Geld verdienen, im Konkurrenzkampf mit dem Nachbarn bestehen, den Kindern das materielle "Paradies" zu Weihnachten, Geburi, etc. bieten. Der Materialismus überfordert erst die
      Eltern, dann die Kinder, die Lehrer, die Politiker - der Reihe nach. Ein-
      fach Leben!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Sehr geehrter Herr Gasser,
      Mir ging es in meinem Post darum, wie Schüler auf dieses Agressionspotential - woher dieses auch immer stammen mag, resp. war das nicht mein Punkt - REAGIEREN, und was das mit ihnen macht.
      DAS ist eine andere Sichtweise die aufzeigen soll, dass nicht nur das Agressionspotential gestiegen ist, sondern auch die Kompetenz der Schüler, damit umzugehen.
      Können Sie mit?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen