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Papst und Abtreibung «Die Drastik des Vergleichs hat schon irritiert»

Legende: Audio Judith Wipfler: «Der Papst hat sein rhetorisches Ziel erreicht» abspielen. Laufzeit 05:24 Minuten.
05:24 min, aus SRF 4 News aktuell vom 11.10.2018.

Papst Franziskus hat sich gestern bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom zum Thema Abtreibungen geäussert. Seine Aussagen schlugen Wellen:

Bei Abtreibungen beseitige man einen Menschen; abzutreiben sei vergleichbar mit einem Auftragsmord, sagt er. Judith Wipfler von der SRF-Religionsredaktion erstaunt dieser Vergleich nicht. Im Gegenteil.

Judith Wipfler

Judith Wipfler

Leiterin Fachredaktion Religion, Radio SRF

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Judith Wipfler ist reformierte Theologin und seit 2014 Teamleiterin der Fachredaktion Religion bei Radio SRF. Seit dem Jahr 2000 ist sie Mitglied der Redaktion.

SRF News: Kamen diese Ausführungen für Sie überraschend?

Judith Wipfler: Nein, weil sie ganz in der Linie des sogenannten Lebensschutzes stehen, in der auch Papst Franziskus steht. Die Drastik des Vergleichs hat schon irritiert. Doch eigentlich hat der Papst sein rhetorisches Ziel damit erreicht: Die ganze Welt redet darüber – wir reden drüber.

Bisher galt der Papst doch aber als möglicher Modernisierer der Kirche?

Er ist immer ein Konservativer gewesen. Er hat zwar Dinge gesagt, wie «diese Wirtschaft tötet» – eine klassisch linke Äusserung. Aber das darf man nicht verwechseln mit einer ansonsten progressiven Haltung. In Sachen Bewahrung der Schöpfung und der Unterstützung von Flüchtlingen gibt er sich links-politisch pointiert, aber moralisch – gerade in Sexualfragen – konservativ.

Bereits im Juni hatte Papst Franziskus Stellung bezogen zum Thema Abtreibung. Warum jetzt diese Positionierung als Hardliner?

Er hat sich schon damals nicht zurückgehalten. Er hat Abtreibung mit Euthanasie verglichen. Zur Erinnerung: Das Euthanasie-Programm war das Programm der Nazis, mit dem man behinderte Menschen getötet hat. Dieser Vergleich war nicht weniger krass als der jetzt mit dem Auftragsmord.

Aus der Sicht des Papstes sind der Schutz des ungeborenen Lebens und die Ablehnung der Todesstrafe auf der gleichen Ebene.

Es hat damit zu tun, dass er und seine Kirche sich schon immer für den Schutz des ungeborenen Lebens eingesetzt haben. Vor rund zwei Wochen hat er zudem die Todesstrafe gegeisselt. Sie wurde aus dem Katechismus der römisch-katholischen Kirche herausgestrichen. Todesstrafe ist also nicht christlich, ist eine Sünde. Dafür hat er von rechts-katholischer Seite, gerade aus den USA, viel Prügel bekommen, weil diese sagt, die Todesstrafe sei etwas Christliches. Aus der Sicht des Papstes sind der Schutz des ungeborenen Lebens und die Ablehnung der Todesstrafe jedoch auf der gleichen Ebene.

In Rom erhielt er für seine Rede viel Applaus. Wie sehen das die Gläubigen?

Die Zustimmung, die wird man auch aus den USA hören. Auch bei uns gibt es diese Gruppen, «Marsch fürs Leben» oder «March for Life». Es sind nicht nur Katholiken, sondern auch viele Evangelikale, die gegen Abtreibung auf die Strasse gehen. Und dies ist genau die Gruppe, die er auch angesprochen hat. Ich denke, er hat mit dieser Äusserung versucht, Respekt oder Glaubwürdigkeit bei diesen Gruppen, die ihn bisher eher kritisch gesehen haben, zu erlangen.

Am Sonntag werden zwei Geistliche mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen heiliggesprochen: Oscar Romero, ein liberaler Befreiungstheologe und der Verhütungsgegner Papst Paul VI. Befinden sich der Papst und die Kirche mit dem Thema Sexualität im Clinch?

Ich würde eher fragen: Wie kriegt der Papst das zusammen? Auf der einen Seite ein Befreiungstheologe, Oscar Romero, der auch in der Schweiz sehr verehrt wird. Auf der anderen Seite der als Pillen-Paule bekannte Papst Paul VI. Der hat zwar auch progressive Seiten gehabt. Er hat das Zweite Vatikanum, das grosse Reformkonzil vorangebracht. Aber vor genau 50 Jahren in die Geschichte eingegangen ist er mit der Pillenenzyklika.

Das sind wieder diese beiden Pole: Einerseits ein grosses sozialpolitisches, ein kapitalismuskritisches Engagement gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur, und auf der anderen Seite aber sehr konservative Ansichten hinsichtlich der Sexualmoral. Diese beiden Pole kriegen die in Rom irgendwie zusammen.

Das Gespräch führte Rino Curti.

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