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Nordostsyrien: Wer hat am meisten Macht?
Aus SRF 4 News aktuell vom 18.10.2019.
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Lage in Nordsyrien «US-Regierung ist auf alle Forderungen der Türkei eingegangen»

Die Einigung auf eine Waffenruhe in Nordostsyrien ist das Resultat von Gesprächen zwischen US-Vizepräsident Mike Pence und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Doch damit ist noch nicht alles geklärt. Thomas Seibert, Journalist in der Türkei, sagt, wie es weitergehen könnte.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Freier Journalist

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Thomas Seibert ist seit 22 Jahren Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF. Vor kurzem musste er Istanbul verlassen, weil ihm die Türkei keine Arbeitserlaubnis mehr ausstellen wollte. Etwas später erhielt er wieder eine Akkreditierung.

SRF News: Machen die Kriegparteien wirklich eine Kampfpause?

Thomas Seibert: Die syrische Kurdenmiliz YPG hat in der vergangenen Nacht erklärt, es gebe weiter Angriffe der türkischen Armee in Nordostsyrien. Das ist von türkischer Seite noch nicht bestätigt worden.

Die ersten Reaktionen im Westen sind verhalten bis überrascht ausgefallen. Wie reagierte die YPG?

Im Prinzip sei man mit einer Waffenruhe einverstanden, hat ein hochrangiger Kommandeur der YPG erklärt, aber man werde sich nur aus einem bestimmten Gebiet auf einem Streifen von 120 Kilometern entlang der Grenze zurückziehen, nicht aus dem gesamten Grenzgebiet.

Die Kurden befürchten eine ethnische Veränderung und das lehnen sie ab.

Die YPG besteht darauf, dass die Türkei nicht in Nordsyrien bleiben darf, vor allem dürfe die Türkei keine demografischen Veränderungen herbeiführen. Damit spielt die sie darauf an, dass die Türkei bis zu zwei Millionen Flüchtlinge in der Sicherheitszone ansiedeln will. Die Kurden befürchten eine ethnische Veränderung und das lehnen sie ab.

Wie reagiert man in der Türkei auf die Kampfpause?

Die türkische Regierung von Erdogan und die regierungsnahe Presse bejubeln sie. Die Türkei habe alles bekommen, was man von den USA verlangt habe.

Auch in der türkischen Regierung war man offenbar vom Angebot von US-Vizepräsident Mike Pence überrascht.

Man will der YPG ermöglichen, ihre Kämpfer aus dem Grenzgebiet abzuziehen. Der Rückzug hat bereits begonnen. Hat die Kurdenmiliz gar keine andere Wahl?

Unter dem Druck des türkischen Angriffs hat sich die YPG an Russland und an die syrische Regierung in Damaskus gewandt. Inzwischen hat die syrische Armee mit russischer Unterstützung auch einige Gebiete besetzt, die zur türkischen Sicherheitszone gehören sollten.

Einen Durchbruch in den Gesprächen hat niemand erwartet, und doch ist er erreicht worden. Was ist passiert?

Aus innenpolitischen Gründen ist die US-Regierung auf alle Forderungen der Türkei eingegangen. US-Präsident Donald Trump wird vorgeworfen, die türkische Invasion überhaupt ermöglicht und die kurdischen Partner verraten zu haben. Er hat eine Krise ausgelöst und stellt sich nun als denjenigen dar, der diese Krise wieder löst. Auch in der türkischen Regierung war man offenbar überrascht vom Angebot von Pence.

Um diese Gebiete geht es in Nordsyrien.
Legende: Um diese Gebiete geht es in Nordsyrien. SRF

Was will die Türkei?

Die Türkei will in Nordostsyrien ständig präsent sein. Sie will die Kurdenmiliz von der Grenze verdrängen und zwar bis zu 30 Kilometer in syrisches Gebiet hinein. Zugleich will die Türkei dort eine Sicherheitszone schaffen, um Flüchtlinge aus der Türkei ansiedeln zu können.

Die USA haben alle Bedingungen akzeptiert. Was bedeutet das für das nordsyrische Grenzgebiet?

Der nächste wichtige Termin ist am kommenden Dienstag. Dann reist Erdogan zu Wladimir Putin nach Russland. Russland ist die Schutzmacht der syrischen Regierung in Damaskus. Moskau möchte, dass die Türkei sich wieder aus Syrien zurückzieht und dass die syrische Regierung diese Grenzregion kontrolliert und nicht die Türkei. Es gibt Beobachter in Moskau, die damit rechnen, dass Putin den Rückzug der türkischen Truppen erreichen will.

Könnten die Auseinandersetzung zwischen syrischen Truppen, der YPG, russischen Truppen und der Türkei wiederaufflammen?

Ich glaube schon. Das Spiel, das beginnt, ist ein Spiel um die Macht in Nordostsyrien. Die USA haben sich selbst herausgenommen. Nun geht es darum, wer den grössten Einfluss hat.

Das Gespräch führte Salavdor Atasoy.

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FOKUS: Eine Woche türkische Militärinvasion in Syrien
Aus 10vor10 vom 15.10.2019.
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32 Kommentare

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  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    Ständig schwafelt der Zampano davon, die Soldaten „heimzuholen“. Gleichzeitig wird alles daran gesetzt noch mehr Waffen zu verkaufen (Jobs,Jobs,Jobs) und somit Konflikte zu befeuern und als Folge davon neue Flüchtlingsströme zu erzeugen. Diese fließen aber Ausnahmslos nach Europa, wo wiederum Konflikte entstehen. DAS ist Unfair von den Amis!
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Musste gleich mal "Zampano" googeln: Zampano bzw. der große Zampano (ital. Zampanò, von zampa = Pfote, Tatze, ugs. für Hand) ist eine der drei Hauptfiguren aus dem Film La Strada – Das Lied der Straße (1954) des italienischen Regisseurs Federico Fellini. ... Er steht jetzt oft als Synonym für jemanden, der alle Fäden in der Hand hat oder zu haben scheint.
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  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Peter Scholl-Latour, der beste Kenner und Kommentar des politischen Nahen Ostens hat vor vielen
    Jahren diese Szenen wie sie sich heute präsentieren
    beschrieben ohne die
    zusätzlichen Statisten SA, Iran Golfstaaten und OHNE Erdogan und die einzige Ordnungsmacht RUSSLAND die NATO-Staaten dank dem Gezänk all der Klein- und unbeweglichen Parteien zu Statisten
    geworden. Europa ist blockiert innen- wie aussenpolitisch
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  • Kommentar von robert mathis  (veritas)
    Dass Erdogan sich so sicher fühlt haben wir zuerst den Exiltürken zu verdanken diese leben hier in Sicherheit und Wohlstand und für die Zurückgebliebenen haben sie den Tyrannen wieder gewählt und diese werden weiter unterdrückt warum kehren die Anhänger die ihn hier verherrlichen dann nicht zurück in die Türkei wäre doch logisch ....
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