Zum Inhalt springen

Header

Audio
Chilenen müssen ihre Rentenguthaben anzapfen
Aus Rendez-vous vom 27.07.2020.
abspielen. Laufzeit 03:55 Minuten.
Inhalt

Kein Geld wegen Coronakrise Chiles Mittelstand droht der Absturz

Staatliche Hilfe gibt es in Chile kaum. Stattdessen müssen die Menschen auf das angesparte Alterskapital zurückgreifen.

Mit über 340'000 Ansteckungen und 9000 Toten ist Chile eines der schwer betroffenen Länder in Südamerika. Die Coronakrise hat zudem 1.5 Millionen Arbeitsplätze vernichtet.

Die Lage sei schlimm, sagt Kleinunternehmer Gonzalo Martínez: «Ich erlebe täglich, wie bei mir Fremde klingeln und um Lebensmittel betteln für die vielen Suppenküchen, die in der Krise entstanden sind.» Die Ärmsten erhalten von der Regierung Pakete mit Konserven und geringe Zuschüsse. Leer ausgegangen ist bislang der Mittelstand.

Dabei ist dieser hochgradig absturzgefährdet. Geld wirklich breit zu verteilen, so wie das in Argentinien und Brasilien üblich ist, lehnt die neoliberale Regierung ab. Stattdessen bietet sie Kredite an. Doch weil in Chile die höhere Bildung kostenpflichtig ist, ist der Mittelstand bereits hoch verschuldet.

Cash für das Nötigste

Vergangene Woche zog das Parlament die Notbremse. Die Chileninnen und Chilenen dürfen jetzt ihre Altersguthaben anzapfen. Maximal zehn Prozent ihrer Gutschriften können sie sich auszahlen lassen, ein einziges Mal. Bereits bilden sich lange Schlangen vor den Büros der Rentenversicherer.

Im Fernsehen erklärt eine Studentin, was sie mit dem Geld vorhat: «Ich bin mit meinem Studienkredit für die Universität im Rückstand und muss auch meinen Eltern bei den Ausgaben fürs tägliche Leben helfen.»

Finanziell ausgepowerte Architekten, Anwältinnen oder Boutique-Betreiber: Sie alle sitzen nach vier Quarantäne-Monaten und Wirtschaftsstillstand auf dem Trockenen. Den meisten ist es egal, dass sie jetzt ihre Altersansprüche ins Spiel bringen müssen. Hauptsache, man kommt schnell zu Flüssigem. Viele Betroffene sind der Ansicht, der Staat sei kein verlässlicher Partner.

Deshalb wurde die Forderung, einen Teil der Altersguthaben freizugeben, immer lauter. Es lärmte von Balkonen herunter und aus Vorgärten, als die Mittelständler mit Pfannendeckel-Konzerten Druck aufsetzten. Das Parlament stimmte schliesslich zu – gegen den Willen der Regierung.

Kritik an Pflästerlipolitik

In der Mittelschicht sind jetzt viele erleichtert. Aber es gibt auch einige, welche die Lösung mit den Altersguthaben kritisch hinterfragen. Gonzalo Martínez etwa, der für Firmen und Private Internetlösungen entwickelt. Sein Geschäft läuft gut, das Auftragsvolumen ist nur unwesentlich kleiner als vor der Corona-Pandemie. Er braucht keine Mittel aus dem Pensionsfonds.

«Es ist doch keine Lösung, wenn man aus lauter Not zuletzt die eigene Altersrente schmälern muss», sagt der Kleinunternehmer. «Für mich ist das so, wie wenn man mit einem Heftpflästerchen versuchen würde, eine tiefe, blutende Wunde zu versorgen.» In Coronazeiten Alterskapital zu verbrauchen, kann deshalb bedeuten: Brot für heute und Hunger für morgen.

Rendez-vous, 27. Juli 2020, 12:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    Wäre natürl. gut, wenn es in jedem Land neben der Privatrente eine staatlich garantierte grosszüge Rente für alle gäbe. Dann wüssten die Leute, dass sie im Alter nicht darben müssen & ihr Leben wäre angenehmer ohne diese Sorge. Aber das soll vielleicht nicht sein, denn eine sorgenlose Bevölkerung käme evtl. auf Gedanken. Die staatl. Rente liesse sich aus der Transaktionssteuer auf Wertpapierspekulation finanzieren. 1% vom Wert jedes gekauften Wertpapieres ginge in den staatl. Rententopf.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tom Maier  (MaTo)
    Chile ging es den letzten Jahrzehnten dank stabilen Regierungen, vor allem aber aus permanent sprudelnden Einnahmen aus dem Kupferabbau, besser als seinen Nachbarn. Deshalb nutzen viele Unternehmen dieses Land auch als Einfallstor für den südamerikanischen Kontinent. Wie in jedem neoliberalen Land kam dies aber nur der Oberklasse zu gute, die Mittelklasse wurde fragil gehalten - hier kommt nun der Preis.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Urs Müller, Santiago de Chile  (urm)
    Chiles Mittelstand droht der Absturz ... genau so ist es. Wenn die eigenen Altersguthaben angezapft werden müssen weil der Staat, resp. die Regierung nicht helfen will, steht der Mittelstand heute am Abgrund und morgen ist er einen Schritt weiter.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen