Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Fernab von Moskau Wo der russische Präsident Ferien macht

Putin liebt das Gebiet Tuwa in Sibirien – zum Fischen, Reiten und Sonnenbaden: Die Einheimischen haben andere Probleme.

Die Bilder gingen um die Welt: Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper, ganz gut in Form für sein Alter, in der Hand eine Angel, am Haken zappelt ein prächtiger Fisch. Im Hintergrund ein lieblicher See, dichter Wald, weit und breit kein Mensch – so macht Russlands mächtigster Mann Ferien.

Diesen Herbst war er wieder in der Gegend unterwegs. Diesmal aber angezogen. Ohne Daunenjacke wär’s im Oktober zu frostig in dem Naturidyll.

Wladimir Putin in der sibirischen Taiga stützt sich an einem Nadelbaum ab.
Legende: Putin gut eingepackt im sibirischen Herbstwald. Reuters

Gefunden hat der Kremlchef diesen Ferienort ganz am Rande seines riesigen Landes: in der Teilrepublik Tuwa. 4500 Kilometer von Moskau entfernt, an der mongolischen Grenze. Das Besondere an Tuwa: Es ist eigentlich ein ganz und gar unrussischer Ort.

Hier leben nur wenige ethnische Russen, die Mehrheit der Bevölkerung stellen Tuwiner, ein Turkvolk, das eng mit den Mongolen verwandt ist. Tuwa ist erst 1944 unter die Kontrolle Moskaus geraten: Die Sowjetunion verleibte sich damals die kleine Bergrepublik ein.

Seither gehört Tuwa zu Russland. Die Statistik macht das Gebiet wenig attraktiv als Tourismusdestination. Nirgendwo ist Russland gefährlicher, nirgendwo gibt es mehr Verbrechen pro Anzahl Einwohner. Dazu kommt, dass Tuwa eine der ärmsten Regionen Russlands ist. Alkoholismus ist verbreitet – das sind auch die Gründe für die hohe Kriminalität.

Berge und Täler werden zur No-Go-Area

Warum also macht Putin an diesem abgelegenen Ort Ferien? Der wichtigste Grund ist ein persönlicher: Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu stammt aus Tuwa.

Wladimir Putin mit dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu beim Picnic in der sibirischen Taiga.
Legende: Wladimir Putin mit dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu beim Picknick in der sibirischen Taiga. Reuters

Er ist ein enger Vertrauter des Präsidenten – und organisiert diesem immer wieder Ferien für «richtige Männer»: Bootsfahren, Fischen mit der Harpune, wilde Tiere beobachten. «Schoigu ist ein hervorragender Organisator solcher Trips», sagt Sergej Konwis, der Verleger von «Risk Express», der einzigen unabhängigen Zeitung in Tuwa.

Der 64-Jährige ist ein feuriger Oppositioneller – und hält gar nichts von den Tuwa-Ferien des Kreml-Chefs: «Da steht jeweils die ganze Republik stramm, wenn Putin kommt. Da werden Fische gefangen und in Fässern von einem See zum nächsten gebracht – damit der Präsident dann auch ganz sicher ein schönes Exemplar fängt.» Für die Menschen in Tuwa jedoch, kritisiert Verleger Konwis, würde sich Putin nicht interessieren. Der Staatschef bewege sich vor allem mit dem Helikopter – und halte sich sowieso nur an Orten auf, die vorher grossräumig abgesperrt würden. Mit anderen Worten: Wenn Putin wandern geht, werden die Täler und Berge rundherum für Normalsterbliche zur No-Go-Area.

Singen für die nationale Selbstbehauptung

Für eine Region, wo Monatslöhne um die 250 Franken normal sind, wirken Putins Superferien wie Besuch von einem anderen Stern. Die Menschen haben schlicht andere Probleme. «Formal ist die Wirtschaft von Tuwa in den letzten Jahren stark gewachsen, aber die Menschen werden trotzdem immer ärmer.» Schuld seien korrumpierte lokale Machthaber, glaubt der oppositionelle Verleger Konwis.

Putin in seinem Urlaub in der sibirischen Taiga auf einer grünen Ebene mit Stock.
Legende: Wo Putin wandern geht, wird vorher grossräumig abgesperrt. Reuters

Armut, Korruption, ungleiche Verteilung von Ressourcen: solche Probleme haben viele provinzielle Gebiete Russlands. In Putin Feriendestination Tuwa kommt aber noch etwas Weiteres zu: Die Tuwiner fürchten um ihre nationale Existenz.

250 000 Tuwinerinnen und Tuwiner gibt es nur – eine verschwindend kleine Minderheit in Russland mit seinen 144 Millionen Einwohnern. Unabhängigkeit oder gar ein offener Kampf gegen die russische Zentralmacht – das ist kein Thema für das von Schamanismus und Buddhismus geprägte Volk. Die Tuwiner setzen auf eine friedliche Methode. Sie singen für die nationale Selbstbehauptung.

Die Sprache der Götter

Kürzlich in der tuwinischen Hauptstadt: Der grosse Saal des Stadttheaters von Kysyl, der Hauptstadt Tuwas, ist knallvoll. Sphärische Klänge wabern durch den Raum. Das «Tuwa Ensemble» demonstriert seine Künste. Chomej heisst die Volksmusik der Tuwiner. Die Klänge werden tief hinten im Kehlkopf gebildet.

Fünf Musiker demonstrieren ihre Künste auf einer grossen Bühne mit einem Bildschirm im Hintergrund.
Legende: Die sphärischen Klänge des «Tuwa Ensemble» hallen durch den grossen Saal des Stadttheaters. SRF

«Chomej im Zentrum von Asien» nennt sich das Festival, das den Kehlkopfgesang mehrere Tage lang feiert. «Im Zentrum von Asien», weil Tuwa geografisch tatsächlich in der Mitte des asiatischen Kontinents liegt. «Unser Kehlkopfgesang, Chomej – das ist die Sprache der Götter», sagt Igor Koschkendej. Er ist der Leiter des tuwinschen Kulturzentrums, welches das Chomej-Festival organisiert hat.

Der Kreml schickt die Millionen

Das Festival wird – wie auch das Kulturzentrum – vom Staat finanziert. Mehrere Tage lang gibt es Konzerte und Gesangswettbewerbe. Igor Koschkendej, selber passionierter Sänger, sagt: «Unser Ziel ist, Chomej bekannter zu machen. Wir wollen unser kulturelles Erbe bewahren – und gleichzeitig wollen wir es weiterentwickeln.»

Der Leiter des tuwinschen Kulturzentrums, Igor Koschkendej, zeigt stolz seine Gitarre.
Legende: «Unser Kehlkopfgesang, Chomej – das ist die Sprache der Götter» SRF

Bewahren, was war und trotzdem mit der Zeit gehen. Für die Tuwiner ist das eine grosse Herausforderung. Sie haben eine alte Kultur. Bevor die Russen kamen, waren sie Nomaden, lebten in Jurten. Die Sowjetunion zwang sie zu einem sesshaften Lebensstil. Und der Russifizierungsdruck hält bis heute an. Gleichzeitig profitierte Tuwa von Moskau: Strassen, Städte, Fabriken entstanden unter russische Herrschaft. Der Kreml überweist heute noch jedes Jahr hunderte Millionen Franken in die kleine Region. 86 Prozent des örtlichen Budgets finanziert der Zentralstaat.

Die Digitalisierung rückt Tuwa an den Rest der Welt

Szenenwechsel: Die Teilnehmer des Chomej-Festivals sind ans Ufer des Jenissei-Flusses gefahren. Hier, auf einem kleinen Hügel befindet sich ein heiliger Ort. Ein Schamane mit einem Bärenfell auf dem Kopf tanzt um ein Feuer und schlägt auf eine grosse Trommel.

Ein Mann mit einem Bärenfell auf dem Kopf tanzt um ein Lagerfeuer und schlägt auf eine Trommel.
Legende: Das Chomej-Festival soll zur Bewahrung des kulturellen Erbes beitragen. SRF

Das Ganze ist mehr als Ethno-Kitsch, viel mehr. Am Rande des Lagerfeuers steht der Kulturminister von Tuwa, Aldar Tamdyn. Auch er ist begeisterter Chomej-Sänger und baut zudem traditionelle tuwinische Saiteninstrumente aus Holz. «Zu Sowjetzeiten war Chomej verboten, auch unsere traditionellen Instrumente waren nicht erlaubt. Doch wir Tuwiner haben uns nicht drangehalten. Wir sangen trotzdem – und auf die Instrumente malten wir Hammer und Sichel. Da konnten die Kommunisten nicht gut sagen: Damit dürft ihr nicht spielen.»

Inzwischen seien andere Zeiten. Die Regierung würde Chomej aktiv fördern. Das Festival ist ein Beweis dafür. «Es geht darum, dass wir Tuwiner als Volk überleben. Denn viele Tuwiner vergessen ihre eigene Sprache. Vor allem in der Stadt hört man immer mehr Russisch. Chomej kann dieser Tendenz entgegenwirken, denn wer Chomej singt, pflegt unsere Sprache und Kultur.»

Tuwa war stets ein sehr abgelegener Ort. Bis heute gibt es keine Eisenbahnlinie. Von ganz wenigen Flügen abgesehen, führt nur eine 300 Kilometer lange Passstrasse von Russland hierher.

Doch die Digitalisierung rückt auch Tuwa näher an den Rest der Welt. Internet und Fernsehen überwinden die Bergkette, welche Tuwa vom russischen Kerngebiet abtrennt. Minister Tamdyn: «Für viele Kinder ist das Tuwinische deswegen nicht die erste Sprache, die sie lernen. Das gilt sogar für meine vierjährige Tochter: Sie spricht besser russisch als tuwinisch.»

Zwei Tuwinerinnen und ein Tuwiner posieren in ihrer traditionellen Kleidung am Chomej-Festival.
Legende: Tuwinerinnen und Tuwiner am Chromej-Festival. Ihre Probleme scheinen Putin nichts anzugehen. SRF

Für Putin scheinen solche Probleme sehr weit weg zu sein. Auf den jüngsten offiziellen Ferien-Fotos aus Tuwa ist er fast durchgehend allein. Man sieht nur die betörend schöne Natur der abgelegenen Region. Tuwinerinnen und Tuwiner sieht man dagegen keine.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

15 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von martin blättler  (bruggegumper)
    Anstatt in einem Sanatorium überflüssige Pfunde loszuwerden,wie viele
    deutsche Politiker und Innen,macht Putin Ferien,wie sie einem echten Mann
    zustehen.Dass da viel Propaganda mitspielt,ist klar.Der Spassfaktor
    dafür umso höher.Man könnte neidisch werden,aber ich gönns ihm ehrlich.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Herr Heierli ganz Ihrer Meinung .... etwas anderes, ich weiss nicht wie viele einen hohen Amtsträger mit nacktem Oberkörper sehen möchten? Diese Unschärfen, die der medialen Reizung dienen, schaden eigentlich unter dem Strich, einer ernsthaften Politik. Mir ist es egal, wie einer ausschaut, auch wie eine ausschaut, der/die politische Ämter innehat. Nicht egal ist, was und wie sie Politik macht, wem sie/er verpflichtet ist und wie sie die gewöhnlichen Alltagsgeschäfte tätigt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von M. Berger  (Mila)
      Antigone, ich bin etwas überrascht von Ihrer Kritik, Putins Oberkörper nackt zu sehen. Ich glaube nicht, dass er in seiner Freizeit diesen bewusst zeigt, so ein Adonis ist er schliesslich nicht. Falls er doch sein Hemd auszieht für den Fotografen, dann wohl um zu zeigen, dass er in seiner Freizeit so ist, wie es ihm am besten gefällt. Why not? Mich stört vielmehr, die Rhetorik von D. Nauer, der bei jedem Beitrag aus Russland über Putin herzieht.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Statt ständig diesen Politiker zu kritisieren,würden die Medien und Politiker viel mehr zur besseren Verständigung mit Russland tun. Dieses ewige von der Nato und von der USA geschürte Feindbild nervt. Gesellschaftliche Ungerechtigkeit gibt es überall auch in den USA. Russland war mit seiner Grösse nie einfach zu regieren. Chance um Chance wurde von Europa verpasst, sich mit den Russen gut zu stellen. Eigentlich schade, weil die Russen Westeuropa immer bewundert und geschätzt haben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von R. Raphael  (R.Raphael)
      @Heierli. Sie treffen den Nagel auf den Kopf! Das ständige Russlandbashing, von den USA initiert und von den treuen EU-Vasallen umgesetzt ist letzlich ein langzeit Boumerang.
      Russland und Europa vereint wären sehr stark in allen Bereichen. Die USA wirken dem seit über 100 Jahren bewusst entgegen (Brezinski)
      Ablehnen den Kommentar ablehnen