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Interview mit dem Fotografen Aram Radomski
Aus SRF 4 News aktuell vom 08.10.2019.
abspielen. Laufzeit 11:52 Minuten.
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30 Jahre Leipziger Montagsdemo «Der Tag der Entscheidung»

Die grosse Montagsdemonstration in Leipzig vom 9. Oktober 1989 war ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall der Berliner Mauer.

Am 9. Oktober lag eine grosse Angst in der Luft – nicht nur in Leipzig, sondern in der gesamten DDR. Die Machthaber hatten unverhohlen mit der «chinesischen Karte» gedroht, sprich mit einer blutigen Niederschlagung der friedlichen Montagsdemonstration nach dem Vorbild der kommunistischen Partei Chinas im Sommer 1989 auf dem Tian’anmen Platz in Peking. Gerüchte machten die Runde, dass die Krankenhäuser zusätzliche Betten und Blutkonserven bereitgestellt hätten. Ausländische Journalisten durften offiziell Ost-Berlin nicht verlassen.

Spannungsgeladen aber menschenleer

Die Ostberliner Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski aber fuhren an diesem 9. Oktober nach Leipzig, um genau diese Montagsdemonstration für die westdeutsche TV-Sendung «Kontraste» zu filmen. Auf dem Weg überholten sie eine lange Militärkolonne, aber sie realisierten erst allmählich, dass die Armee und sie selbst dasselbe Ziel hatten: Leipzig.

Es war kein Mensch auf der Strasse – es war menschenleer.
Autor: Aram RadomskiFotograf

Die Stadt selbst war voller Polizei in Kampfmontur, ansonsten waren die Strassen menschenleer. Als Schefke und Radomski durch die leere, aber spannungsgeladene Stadt streiften, um einen geeigneten Ort für ihre Aufnahmen zu finden, erschallte plötzlich ein Aufruf von Prominenten aus Partei und Kultur über die städtischen Lautsprecheranlagen.

Kinder an der Demonstration.
Legende: Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig beginnt die Montagsdemonstration. Frauen mit Kindern und Kerzen bereiten sich auf die friedliche Demonstration vor. picture-alliance / ZB

Kurt Masur, der Dirigent des berühmten Gewandhausorchesters verlas den Aufruf und warb für einen friedlichen Dialog. «Das war insofern bemerkenswert, weil überhaupt kein Mensch auf der Strasse war, der das gehört hat. Es war menschenleer», erinnert sich Radomski im Gespräch mit SRF.

«Das wird einen Flächenbrand auslösen»

Schliesslich nisteten sich Schefke und Radomski auf einem Kirchturm ein. Und was sie am frühen Abend sahen, verschlug ihnen die Sprache. Nicht einige hundert, wie in den Monaten zuvor, nicht einige tausend, wie die Woche zuvor, sondern 70'000 Menschen demonstrierten.

Aufnahmen vom Kirchturm der reformierten Kirche Leipzig

«Was wir gesehen haben, war so ungeheurer eindrücklich, sowohl von den Bildern als auch von der Akustik her», erinnert sich Aram Radomski.

Wir wussten sofort: Wenn diese Bilder gesendet werden, wird das einen Flächenbrand in der DDR auslösen.
Autor: Aram RadomskiFotograf

Radomski fährt fort: «Wir wussten sofort: Wenn diese Bilder gesendet werden, wird das einen Flächenbrand in der DDR auslösen. Man darf nicht vergessen, es gab kein Facebook, keine Handys, es gab kaum Telefone. Das war eine so machtvolle Demonstration, wie man sie in der DDR noch nicht gesehen hatte.» Ja, es hatte nicht einmal einen offiziellen Aufruf gegeben.

Radomski und Schefke gelang es, die Bilder nach Ost-Berlin zu schaffen und die Videokassette in den Westen zu schmuggeln. Wären sie erwischt worden, wären sie für 20 Jahre im berüchtigten Gefängnis in Bautzen gelandet. Weil sie aber nicht erwischt wurden, gingen ihre Fernsehbilder am nächsten Tag um die Welt und – was noch wichtiger war: Sie flimmerten via ARD und ZDF in die Wohnzimmer der gesamten DDR.

Bundesverdienstkreuz für Aram Radomski

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Radomski und Steinmeier.
Legende:Keystone

Am 2. Oktober – am Tag vor den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit – hat Photograph Aram Radomski (links) das Bundesverdienstkreuz erhalten. Überreicht wurde es von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Unter den insgesamt 25 Ausgezeichneten befanden sich auch Rockmusiker Udo Lindenberg, die DDR-Bürgerrechtler Eva und Jens Reich sowie Astronaut Alexander Gerst. Frank Walter Steinmeier würdigte sie als eine «grossartige Mischung aus Bürgerrechtlern und friedlichen Revolutionären, Künstlern und Wissenschaftlern.»

Steinmeier sagte bei der Würdigung, die DDR sei im Herbst 1989 nicht einfach implodiert wie ein alter Fernseher, die Mauer nicht plötzlich und nicht von selbst in sich zusammengefallen. Es seien mutige Bürgerinnen und Bürger gewesen, die vorangingen und sich ihre Freiheit erkämpften.

«Das war der Tag der Entscheidung, weil der kritische Teil der Gesellschaft gesehen hat: Das System hat kapituliert», lautet kurz und bündig das Fazit des renommierten Historikers Ilko Sascha Kowalzcuk im Gespräch mit SRF. Warum?

Abschied von der ‹Gardine›

Erst einmal war die Kundgebung vom 9. Oktober im Leipzig die bislang grösste Demonstration in der DDR seit dem gescheiterten Aufstand 1953, den die DDR mit Hilfe der Sowjetunion niedergeschlagen hatte.

Immer mehr Menschen verloren ihre Angst und verliessen ihre Beobachtungsposten hinter der ‹Gardine›, weil sie sahen, dass sie gefahrlos auf die Strasse gehen konnten.
Autor: Ilko Sascha KowalzcukHistoriker

Doch diesmal griff die Staatsgewalt nicht ein. Von diesem Tag an änderte sich die Dynamik: «Immer mehr Menschen verloren ihre Angst und verliessen ihre Beobachtungsposten hinter der ‹Gardine›, weil sie sahen, dass sie gefahrlos auf die Strasse gehen konnten.»

Demonstrationszug.
Legende: Eine Woche nach der ersten Grossdemonstration nahmen am 16. Oktober 1989 bereits 120'000 Demonstranten teil, eine weiter Woche später waren es über 300'000. Reuters

Und nicht nur sie sahen das: Alle, die einen Fernseher hatten, verstanden die Signale. Eine Woche später waren doppelt viele Menschen an der nächsten Montagsdemonstration, der Strom riss nicht mehr ab. Kurz darauf trat Staats- und Parteichef Honecker zurück. «Das Regime wankte», so Kowalczuk.

Moskau griff nicht mehr ein

Die DDR-Machthaber kapitulierten, weil sie keine Unterstützung von Moskau erhielten. In Jahrzehnten zuvor hatte die Sowjetunion immer eingegriffen, wenn Reformen oder Unruhen den Kommunismus zu bedrohen schienen. Unter ihrem neuen Hoffnungsträger Gorbatschow wurde diese «Breschnew Doktrin» aufgegeben, zwar nicht innerhalb der Sowjetunion, aber in den Satellitenstaaten des Ostblocks.

Gethsemanekirche in Berlin.
Legende: Ein Schriftband am 9. Oktober 1989 an der Gethsemanekirche in Ostberlin: «Wachet und Betet – Mahnwache und Fürbitte für die zu unrecht Inhaftierten.» Auch in Ostberlin gab es zeitgleich zu den Demonstrationen in Leipzig Proteste. HOFFMANN / DPA / dpa Picture-Alliance

Zudem waren seit September die Grenzen über Ungarn nach Österreich offen und zehntausende Menschen verliessen auf diesem Weg die DDR. Den Zurückgebliebenen gab diese Grenzöffnung einen Hebel gegen die Staatspartei SED in die Hand: Entweder ihr tut was oder wir gehen.

«Honecker war fast schlauer als Gorbatschow»

Der Reformkurs von Glasnost und Perestroika von Michael Gorbatschow in der Sowjetunion motivierte auch die staatstreuen DDR-Bürger, Änderungen zu verlangen. Staats- und Parteichef Erich Honecker sei zwar ein Betonkopf gewesen, aber er habe besser als Gorbatschow erkannt, dass es in diesem repressiven, «extrem unfreiheitlichen System» ein bisschen Freiheit nicht geben könne, analysiert Ilko Sascha Kowalczuk: «Es war logisch, dass der Kessel sofort explodieren wird und insofern war Honecker, so absurd sich das anhört, fast schlauer als Gorbatschow.»

Bruderkuss zwischen Honecker und Gorbatschow.
Legende: Am 8. Oktober 1989 – nur ein Tag vor der Montagsdemonstration in Leipzig – besuchte der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow Ost-Berlin für den 40. Jahrestag der DDR. Dabei kam es zum ikonischen Bruderkuss mit Generalsekretär Erich Honecker. Keystone

«Sie wussten, Moskau wird nicht helfen. Andererseits waren sie auch erschöpft», lautet das Fazit von Kowalcuzk. Nicht einmal Stasi-Chef Erich Mielke konnte es sich noch vorstellen. Panzer gegen das eigene Volk auffahren zu lassen.

Die Berliner Mauer fiel nicht mit einem Schlag am 9. November 1989. Es wurden viele Steine aus der Mauer geschlagen. Ein Meilenstein auf dem Weg dahin war der 9. Oktober 1989 in Leipzig.

Sendebezug: Radio SRF4 News, 10:15 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Bernd Kulawik  (Bernd K.)
    …und wieder etwas "vergessen": Aus der Dresdner Online-Chronik: "[…] gelang es am 8. Oktober, mit der Gründung der "Gruppe der 20", erstmals in der DDR einen friedlichen Dialog zwischen den Demonstranten und der Staatsmacht in Gang zu setzen. Damit ging von Dresden eine Vorentscheidung für den friedlichen Ausgang der Leipziger Großdemonstration am 9. Oktober und für den Verlauf der Revolution in der DDR überhaupt aus." + Eine Auseinandersetzung bleibt nur friedlich, wenn BEIDE Seiten es bleiben!
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  • Kommentar von Reto Meisser  (Reto Meisser)
    Das Volk hat immer das letzte Wort....
    Das wäre mal gut wenn das in der Schweiz geschehen würde....
    Anstatt immer nur hinter der Hand murmeln....
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Die Schweiz mit der DDR zu vergleichen hiesse Wasser in den Rhein zu tragen. Zwei unterschiedlichere Staatsgebilde gibt es wohl nirgends.
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