Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Wider den Klischees: Nicola Steiner über «All das zu verlieren» abspielen. Laufzeit 03:54 Minuten.
Aus Kultur-Aktualität vom 21.05.2019.
Inhalt

Roman von Leïla Slimani Mit einer Sexsüchtigen auf Sinnsuche

Leïla Slimanis Debüt wurde nachträglich auf Deutsch übersetzt. «All das zu verlieren» bricht mit Tabus – und trifft dafür genau den richtigen Ton.

Vor drei Jahren hat die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani Furore gemacht mit ihrem Roman «Dann schlaf auch du». Dessen erster Satz lautete: «Das Baby ist tot.»

Es folgte die schauerliche Geschichte über ein Kindermädchen, das seine beiden Sprösslinge erdolcht. Nichts für schwache Nerven.

Frankreichs Vorbildliteratin

Slimani erhielt den Prix Goncourt, die bedeutendste literarische Auszeichnung Frankreichs. Seitdem gilt sie als eine der wichtigsten Stimmen des Landes. Emmanuel Macron hat ihr den Posten als Kulturministerin angeboten. Sie lehnte ab.

Daraufhin ernannte er sie zu seiner persönlichen Beauftragten zur Pflege des französischen Sprachraums, in der Hoffnung, sie vermittle kulturell zwischen Frankreich und den Maghrebstaaten Nordwestafrikas.

Da erscheint es nur folgerichtig, dass Slimanis deutscher Verlag an diesen Erfolg möglichst rasch anknüpfen will. Jetzt bringt er ihren Debütroman von 2014 heraus. Der Titel: «All das zu verlieren».

Buchhinweis

Leïla Slimani: «All das zu verlieren», aus dem Französischen übersetzt von Amelie Thoma, Luchterhand 2019.

Auch hier findet wieder ein Tabubruch statt. Es geht um eine sexsüchtige Journalistin, die ein Doppelleben führt: Auf der einen Seite lebt sie mit Mann und Kind. Auf der anderen Seite hangelt sie sich von einem schnellen Sex zum nächsten.

Kurze Affären, knallharter Sex

Das wird in aller Ausführlichkeit erzählt – es geht also ums Eingemachte. Das Buch ist allerdings weit mehr als eine reine Ansammlung von Sexszenen.

Legende: Video «All das zu verlieren»: Der Literaturclub diskutiert das Buch abspielen. Laufzeit 17:14 Minuten.
Aus Literaturclub vom 21.05.2019.

Slimani ist eine ziemlich gerissene Erzählerin. Sie schildert das Leben einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen: Adèle ist um die 30, Journalistin und mit einem Arzt verheiratet, mit dem sie einen gemeinsamen Sohn hat.

Aber dieses bürgerliche Leben scheint ihr nicht zu reichen, immer wieder bricht sie daraus aus. Schnelle Seitensprünge, kurze Affären, knallharter Sex – bis hin zu sehr gewaltvollen Momenten und ohne eine einzige Geste der Zärtlichkeit.

Eine moderne Madame Bovary?

Was Amélie antreibt, erfährt man nicht. Das eröffnet den Raum für eigene Spekulationen. Ist es tiefe Leere, durch die sich das Dasein dieser Frau auszeichnet? Ist es die pure Langeweile? Der Überdruss an Mann und Kind? Eine moderne Madame Bovary also?

Ist der Sex eine Sinnsuche, sucht Adèle vielleicht sogar eine Art Erlösung im Sex? Und warum erscheint ihre Kindheit so inzestuös? Ein kluger Schachzug der Autorin, nicht alles zu benennen, sondern mit diesen Auslassungen zu spielen.

Widerspruch gefordert

Das Buch liest sich auf den ersten Blick fast schon trivial: So nüchtern, so rasant sind diese knapp über 200 Seiten geschrieben. Doch auch hier unterwandert Slimani die Erwartungen des Lesers: Denn die Sexszenen sind weder pornographisch noch klinisch oder gar romantisch im Ton. Man könnte fast von einem «Nicht-Ton» sprechen.

Dieses Buch ist keine schöne Lektüre. Es ist ein abgründiges und enorm beengendes Buch. Und es wird vermutlich viele Leser und Leserinnen zu grossem Widerspruch herausfordern. So muss das auch sein.