Zum Inhalt springen

Header

Audio
Armin Nassehi: Der Widerspruch der Diversität
Aus Kontext vom 11.02.2020.
abspielen. Laufzeit 22:50 Minuten.
Inhalt

Fallstricke der Diversität Ich ist kompliziert

Je vielfältiger wir sind, desto freier? Das stimme nicht immer, sagt der deutsche Soziologe Armin Nassehi. Diversität könne auch einengen.

Für viele Gruppen ist Diversität zur positiv besetzten Chiffre geworden. Ein Gegenentwurf zu den «gestressten grauen Herren»: So zu lesen auf einem Plakat, das im Flur vor Armin Nassehis Büro am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München hängt.

Für den 60-jährigen Soziologieprofessor ist die Forderung nach gesellschaftlicher Diversität zweischneidig. Er sagt: «Die Gefahr besteht, dass Menschen auf ihr Geschlecht, die sexuelle Orientierung oder ihre Hautfarbe reduziert werden, wenn solche Identitätsmerkmale allzu sehr im Vordergrund stehen.»

Kein Weg aus den Widersprüchen

Zum Beispiel Homosexualität: Prinzipiell sei es zu begrüssen, dass Gruppen, die früher verfolgt und diskriminiert wurden, heute durch das Gesetz geschützt seien, sagt Nassehi.

«Aber wenn man weiterdenkt, muss man sich fragen, warum es diesen Schutz überhaupt braucht. Es ist ja paradox zu sagen: ‹Homosexualität ist selbstverständlich – also muss man sie extra schützen.›» Das sei die Gemengelage, aus der man weder als Einzelner noch als Gesellschaft so leicht herauskomme.

Video
Armin Nassehi: Digitalisierung verstehen!
Aus Sternstunde Philosophie vom 01.09.2019.
abspielen

Ähnliche Widersprüche ortet Nassehi beim Diskurs über Hautfarben: Wer von sich behaupte, er mache «keinen Unterschied zwischen schwarzen und weissen Menschen», der bestätige gerade durch diese Formulierung den Unterschied.

Ebenso wenn jemand ständig betonen müsse, auch Frauen seien «sehr wohl fähige Führungskräfte». Dann sage er – oder sie – in Wahrheit eher das Gegenteil.

Im Kopf noch die alten Klischees

Nassehis Verdacht: Die Denkmuster haben sich gegenüber früher nicht so stark verändert. Dafür das, was man für «sagbar» hält.

«Kaum jemand getraut sich heute noch, in der Öffentlichkeit diskriminierende Aussagen über Frauen oder Homosexuelle zu machen. Aber praktisch wirken sich Vorurteile und Stereotypien über Geschlechter und auch über Hautfarben stärker aus, als wir denken.»

Jedes Ich inszeniert sich

Auf gesellschaftlicher Ebene halte Diversität also viele Fallstricke bereit. Dem Individuum aber gebe sie mehr Freiheit. «Früher», sagt er, «war der Einzelne sehr stark festgelegt, etwa durch die Standards der protestantisch orientierten Lebensform: ‹Tu deine Arbeit, geh’ beten und dann ins Bett.› Heute hingegen haben wir unzählige Möglichkeiten, uns selbst zu beschreiben und unser Leben zu führen.»

Collage: Ein Gesicht, aus mehreren Gesichtern zusammengesetzt.
Legende: Wer bin ich? Heute gibt es laut Armin Nassehi «unzählige Möglichkeiten» darauf zu antworten. Getty Images / RyanJLane

Eine Folge davon ist laut Nassehi eine «Popkultur inszenierter Selbstbeschreibungen», welche durch die sozialen Medien ermöglicht und beschleunigt werde. «Das Individuum steht gerade in grosser Blüte. Wir können uns heute so, morgen anders und übermorgen wieder anders beschreiben.»

Konsum stiftet Identität

Was hält diese Fülle von Selbstbeschreibungen zusammen? «Es sind Konsummöglichkeiten», lautet Nassehis Antwort. Kleider, Autos oder elektronische Gadgets sind für den Soziologen «die Identitätsmarker schlechthin».

«Der Konsum bietet den Leuten Gelegenheit, über sich selbst nachzudenken, ohne dass man dafür in einem philosophischen Hauptseminar gesessen haben muss.» Weil heute niemand mehr die Komplexität der Welt erklären könne, sei der Konsum eine wunderbare Entlastung.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 12.2.2020, 9:02 Uhr

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Nun ich betrachte das Ich ganz anders als die Psychologie, einzig so Leute wie Ken Wilber die zur Transpersonalen Psychologie gezählt werden betrachten das Ego wie die Mystiker. Ich lese gerade in Buch von einer Vollerleuchteten, und zwar hat sie das dank eines Lehrers erreicht im frühen Alter von 19 Jahren. Und sie lebt noch. Das ich-Gefühl geht in einem Fortgeschrittenen Stadium vom Kopf in Herzzentrum auf der rechten Seite der Brust, kann es dort gehalten werden lösst es sich für immer auf.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Richard Meier  (meierschweiz)
      Ehrlich gesagt, habe ich nicht ansatzweise verstanden, was Sie sagen möchten. Das liegt vermutlich an mangelnder Erleuchtung meinerseits. Und so nicke ich vorsichtshalber andächtig und tue so, als würde ich über Ihre Worte nachdenken.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
      Das kann ich gut verstehen. Kurz gesagt wir wissen nicht wer wir wirklich sind. Wir glauben eine Person zu sein sind aber in Wirklichkeit das was vor allem liegt, selbst vor dem universellen Bewusstsein. Alles was wir glauben zu sein ist immer nur eine Vor-Stellung. Wir stellen immer etwas Da-Vor. https://youtu.be/v_1zuPI_my4
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Roger Gasser  (allesrotscher)
    Niemand kann mehr die Komplexität der Welt erklären? Einerseits war das schon immer so, andererseits war es auch nie nötig das zu tun. Man kann gut in seiner eigenen kleinen Welt leben, und das ist genau das Problem. Erst jetzt wäre es bitter nötig die Komplexität der Welt zu erkennen und zu verstehen dass KEINER das Zentrum der Welt ist. Think global, act local, ist in dieser EINEN Welt unabdingbar wenn wir (über)leben wollen. Die Menschheit ist EINE Familie die sich endlich so verstehen muss.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Joseph De Mol  (Molensepp)
    Konsum stiftet Identität! Wenn alles sinn- und identitätsstiftende endlich zerstört, entfremdet und pulverisiert wurde - mit voller Absicht und System - ist es doch beruhigend zu wissen, wo man in diesen verrückten Zeiten noch Identität und Orientierung findet! Fazit: Fraglich, ob diese Form komplett amorpher und verstörender Identität, einen Effekt erzielen kann. Jedenfalls ist der Mensch endlich unwiderrufbar seiner Bestimmung zugeführt worden und ist nunmehr nur noch eines: Konsument!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      Keine Angst, was zerstörbar ist ist nicht dass worauf es ankommt. Und das was Sie befürchten zerstört zu werden ist nicht wirklich zerstörbar.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen

Mehr aus Gesellschaft & ReligionLandingpage öffnen

Nach links scrollen Nach rechts scrollen