Game-Review Schleichen mit Nadine – «Uncharted: The Lost Legacy»

Chloe Frazer und Nadine Ross sind die neuen Hauptfiguren dieses «Uncharted»-Filetstücks. Das kompakte Abenteuer im prächtigen Indien und die Beziehung der beiden Heldinnen sind so gut geschrieben, dass wir Nathan Drake keine Sekunde vermissen.

Nicht nur ich fand «Uncharted 4: A Thief's End» eines der besten Spiele des letzten Jahres. Es war ein würdiger Abschied für die Hauptfigur Nathan Drake und damit eigentlich das Ende der Serie.

Doch eine so erfolgreiche Franchise (über 35 Millionen verkaufte Spiele) lässt man so leicht nicht los. Entwickler Naughty Dog hielt sich die Hintertür auch immer offen und bezeichnete «Uncharted 4» nie als Ende der Serie, nur als Ende der Geschichte von Nathan Drake. Et voilà, hier kommt «Uncharted: The Lost Legacy» – eine Zugabe mit neuen Hauptfiguren.

Chloe und Nadine: Neue Hauptfiguren

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Tolle Screenshots machen

Der «Photo Mode» des Vorgängers ist zurück und noch immer grossartig: Wir können das Game jederzeit einfrieren und Kamera oder Filter frei verändern, bis wir die perfekten Screenshots haben. Neu kann Chloe ausserdem tolle Grimassen schneiden – weshalb ich sehr viel Zeit im «Photo Mode» verbracht habe. Siehe Bildergalerie!

Wir steuern Chloe Frazer, die wir seit «Uncharted 2» kennen. Sie ist wie Nathan Drake Schatzsucherin, aber rücksichtsloser, dreist und durchaus auch hinterhältig – wenn es sie einem Schatz näherbringt, betrügt sie Nathan ohne zu zögern. Sie ist also eine Art dunklere Variante von Nathan und war als verführerisches Bad Girl ein Kontrast zu Nathans Frau Elena Fisher. Weil sie einen indischen Vater hat und «The Lost Legacy» in Indien spielt, ist Chloe eine perfekte Wahl als Hauptfigur.

Begleitet wird sie von Nadine Ross, eine meiner Lieblingsfiguren aus «Uncharted 4». Die Südafrikanerin ist Chefin der Söldnerfirma Shoreline, gegen die wir in «Uncharted 4» bis fast am Schluss gekämpft haben.

Damit sind nun also zwei ehemalige Antagonistinnen plötzlich zu Protagonistinnen geworden. Chloe und Nadine mögen sich zunächst nicht und arbeiten aus rein finanziellen Gründen zusammen. Die Entwicklung dieser Beziehung steht im Zentrum des Spiels und ist so gut geschrieben, dass ich Nathan Drake keine Sekunde vermisst habe.

Chloe und Nadine rasen über eine Schanze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: The Girls of Hazzard. Screenshot SRF

10-Stunden-Filetstück

Weil «The Lost Legacy» ursprünglich als Erweiterung von «Uncharted 4» gedacht war, ist das Abenteuer eher kurz: Die Geschichte ist mit zehn Stunden etwa halb so lang wie das Vorgänger-Game.

Technisch ist es mit «Uncharted 4» aber fast identisch. Auch dramaturgisch kam mir alles sehr bekannt vor. Grosse, offene Schauplätze wechseln sich mit kleinen, linear geführten ab. Es gibt eine Szene auf einem Markt, eine wilde Auto-Verfolgungsjagd, ein Twist, ein überraschender Auftritt, viel Kletterei und zwischen der Action ruhige Momente mit Tieren. Selbst der Tod des Hauptgegners am Schluss spiegelt den des Vorgängers – das, was er am meisten will, wird ihm zum Verhängnis.

«Uncharted: The Lost Legacy» ist also eigentlich ein grosses Copy-Paste: Technik, Struktur, Figuren und dramaturgische Tricks werden vom Vorgänger übernommen und mit neuer Geschichte und Schauplatz aufgefüllt. Doch weil diese Vorlage so grossartig ist, trägt sie noch immer. Es ist eine kompakte, einfache Geschichte, sie findet an einem einzigen Schauplatz (Indien) statt und sie ist kurz: Das ist sozusagen ein «Uncharted»-Filetstück.

Schleichen!

Doch Naughty Dog wäre nicht Naughty Dog, wenn es nicht trotzdem geschafft hätte, innerhalb der eng gesteckten Grenzen (sehr kurze Entwicklungszeit, keine Anpassungen des technischen Gerüsts) innovativ zu sein.

Der vierte Abschnitt beispielsweise ist eine Variante des Madagaskar-Abschnittes in «Uncharted 4» – aber etwas grösser und offener, mit mehr Aufgaben und versteckten Schätzen. Es ist die «open world»igste Version von «Uncharted», mit klaren Anleihen bei «Metal Gear Solid V». Und einem starken Fokus auf Schleichen – auf der höchsten Schwierigkeitsstufe ist das Pflicht.

Nadine und Chloe lachen erleichtert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Freudinnen haben's glatt. Screenshot SRF

Die hilfreiche Nadine

Noch besser hat mir aber die Begleiterin Nadine gefallen. Wir können sie nicht steuern, ihr keine Befehle geben – und dennoch ist sie im Gegensatz zu unzähligen anderen Game-Begleitern richtig hilfreich. Sie steht uns nie dumm im Weg herum. Wenn sie mit Chloe plaudert, ist das abwechslungsreich statt nervig.

In Feuergefechten ist sie für eine Söldner-Kommandantin zwar erstaunlich zurückhaltend. Doch beim Rätseln hilft sie uns gern: Wenn wir beispielsweise fünf versteckte Knöpfe drücken müssen, sucht sie mit und ruft nicht nur, wenn sie einen gefunden hat, sondern drückt ihn auch gleich selber. Damit wirkt sie viel natürlicher als die meisten Computer-Begleiter. Und deshalb lag mir auch ihre Beziehung zu Chloe viel mehr am Herzen.

Ein kompaktes Abenteuer mit zwei tollen Hauptfiguren, ein visuell überwältigender neuer Schauplatz, die üppigste Dschungel-Vegetation aller Games – selbst ein halbes «Uncharted» ist ein ganzes Meisterwerk.

Das soll es nun wirklich gewesen sein: «The Lost Legacy» sei das letzte «Uncharted» von Naughty Dog. Für mich ist es der perfekte Epilog einer der besten Game-Serien überhaupt.

«Uncharted: The Lost Legacy» ist für Playstation 4. Es ist ab 16 und kostet ca. 50 Franken.