Vor Bergsturz von Bondo Behörden im Bergell verzichteten auf Echtzeit-Daten

Online-Warnsysteme am Berg zeigen gewöhnlich gute Resultate. Am Piz Cengalo gab es jedoch keine – das wirft Fragen auf.

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Stürzende Berge: Leben in der roten Zone

12 min, aus Rundschau vom 13.9.2017

Die Verantwortlichen im Bergell verzichteten auf eine permanente Überwachung am Piz Cengalo. Dies, obwohl die Situation am Berg sehr instabil war und Echtzeit-Messungen präzise Prognosen von Naturereignissen erlauben. Gemäss Fachleuten erlaubt eine Dauerüberwachung, Gletscherabbrüche oder Bergstürze, Tage oder mindestens Stunden vorauszusehen.

Der Gletscherabbruch vom Wochenende im Wallis zeigt es: Der Zeitpunkt des Abbruchs des Triftgletschers oberhalb von Saas Grund konnte rechtzeitig vorhergesagt werden. Damit konnten das Dorf und die Gefahrenzone frühzeitig gesichert werden.

«  Wir konnten 24 Stunden vorher auf Stunden genau sagen, wann der Gletscher abbricht.» »

Lorenz Meier
Geschäftsführer Geopraevent

Diese präzise Berechnung wurde durch Messungen eines sogenannten Georadars möglich – einem teuren Warngerät, das permanent die Bewegungen am Gletscher oder am Fels misst. Die Anlage auf dem Triftgletscher wurde von der Zürcher Firma Geopraevent installiert und betreut. Geschäftsführer Lorenz Meier ist zufrieden: «Wir konnten 24 Stunden vorher auf Stunden genau sagen, wann der Gletscher abbricht.»

Meiers Radare sind in akuten Gefahrenzonen der ganzen Schweiz im Einsatz. Nach dem Bergsturz installierte Geopraevent auch am Piz Cengalo eine hochmoderne Radar-Anlage. Damit lassen sich nun auch an diesem Felsmassiv kleinste Bewegungen registrieren.

«Bei einem instabilen Gletscher- oder Felsgebiet können Stunden, Tage oder Wochen vor dem Ereignis erhöhte Bewegungen gemessen werden, was eine Prognose über den Absturzzeitpunkt und allenfalls eine Sperrung oder Evakuation ermöglicht», sagt Meier.

«  Man muss nicht zuerst mit dem VW-Bus und den Geräten hinfahren, installieren, messen und kann erst dann interpretieren. »

Jan Beutel
Forscher der ETH Zürich

Kontinuierliche Messungen hätten klar einen Vorteil gehabt, sagt auch der Permafrost-Forscher Jan Beutel von der ETH Zürich gegenüber der Rundschau: «Man sieht detailliert den Verlauf der Bewegungen.»

Ausserdem habe man bei den Online-Daten die jüngsten Messungen sofort parat: «Man muss nicht zuerst mit dem VW-Bus und den Geräten hinfahren, installieren, messen und kann erst dann interpretieren.» Beutel entwickelt zur Zeit ein neues Warn- und Beobachtungssystem, das mit GPS funktioniert und bei Naturgefahren grössere Vorwarnzeiten erlaubt.

Die Aussagen der Experten werfen mit Blick auf den Bergsturz von Bondo neue Fragen auf: Hätte man mit einer Non-Stop-Überwachung rechtzeitig auch die Wandergebiete sperren können? Lorenz Meier von Geopraevent sagt: «Ob das am Cengalo auch funktioniert hätte ist sehr wahrscheinlich, jedoch im Nachhinein nie mit 100-prozentiger Sicherheit zu sagen.»

Bondo hatte nur Alarmsystem

Zur Frage, weshalb am Piz Cengalo kein Dauer-Überwachungssystem installiert war, nimmt das zuständige Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden keine Stellung – und verweist auf die laufende Untersuchung der Staatsanwaltschaft.

Amtsvorsteher Reto Hefti teilt mit: «Im Val Bondasca oberhalb Bondo gab es vor dem Bergsturz am Cengalo vom 23. August 2017 ein Alarmsystem mit Pegelradar und Reissleinen für Murgänge.» Dieses habe am 23. August 2017 Alarm ausgelöst und automatisch die Zufahrtstrassen gesperrt. «Daraufhin wurden die Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und der Gemeinde aufgeboten und die Leute in Bondo rechtzeitig evakuiert», schreibt Hefti.

Am 23. August ereignete sich am Piz Cengalo ein Bergsturz. Dieser setzte Geröll von 3 Millionen Kubikmetern frei und löste einen gewaltigen Murgang aus. Das Gemisch aus Schlamm und Fels raste durch das Val Bondasca und gelangte bis ins Dorf Bondo. Acht Wanderer, die sich zu dieser Zeit im Tal aufhielten, werden seither vermisst.