Trauern in Weiss Spurensuche auf gefrorenem Grund

Das einfühlsame Porträt einer Frauenfreundschaft: Die deutsche Autorin Anne von Canal reflektiert in «Whiteout» den plötzlichen Verlust eines nahestehenden Menschen.

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Bildlegende: Einsam im Eis: Die Welt der Antarktis widerspiegelt das Innenleben der Hauptfigur Hanna. Flickr/ NOAA Photo Library

Hanna ist eine erfolgreiche Wissenschaftlerin. Im Verlauf des Romans lernt sie, auch mit nicht klar messbaren Situationen umzugehen und zu akzeptieren, dass nicht alles hundertprozentig gelingt. Was klischiert klingt, bringt die Autorin Anne von Canal sehr einfühlsam auf den Punkt.

Der Schauplatz von «Whiteout» – die Antarktis – spielt dabei eine wesentliche Rolle. «Whiteout» ist dort ein meteorologisches Phänomen: Schnee, Sonnenlicht und Nebel verschmelzen. Konturen, Schatten oder Kontraste sind nicht mehr wahrnehmbar.

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Zur Person

Anne von Canal studierte Skandinavistik und Germanistik. Sie arbeitete als Lektorin und Übersetzerin, bevor sie mit ihrem Roman «Der Grund» als Schriftstellerin debütierte.

Mögliche Folgen sind Orientierungslosigkeit. Das Gefühl, sich in einem leeren, dimensionslosen Raum zu befinden. So ergeht es Hanna, bis es ihr gelingt, sich in diesem Raum zurechtzufinden.

Eine Hiobsbotschaft

Hanna leitet eine Forschungsexpedition in der Antarktis, die anhand von Bohrungen mehr über das Klima in der Vergangenheit herausfinden will.

Kurz nach Beginn der Expedition bekommt Hanna eine Email von ihrem Bruder. Er teilt ihr mit, dass ihre ehemals beste Jugendfreundin Fido gestorben sei.

Die Nachricht trifft Hanna wie ein Schock, obwohl sie seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr zu Fido hatte. Sie wird von Erinnerungen überschwemmt. Und nichts in der kargen Landschaft lenkt sie davon ab, sich mit der Freundschaft zu Fido auseinanderzusetzen.

Die Nähe der Distanz

Als Fido vor 20 Jahren einfach ging und nie mehr zurückkehrte, fühlte Hanna sich verlassen und unverstanden. Sie erklärte Fido für tot. So war es einfacher, über den Verlust der Freundin hinwegzukommen. Paradoxerweise ist Fido aber jetzt, als sie tatsächlich gestorben ist, Hanna wieder viel näher.

Hanna beginnt, sich mit ihrer Freundschaft zu Fido auseinanderzusetzen. Und erkennt, dass sie Fido nie so gesehen hat, wie sie wirklich war. Und Fido deshalb gar keine andere Wahl hatte, als zu gehen.

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Buchhinweis

Anne von Canal: «Whiteout». Mare, 2017.

«Ich hab’ dich wieder»

Anne von Canal ist mit dem einfühlsamen Porträt einer Frauenfreundschaft ein nachdenklicher, lesenswerter Roman gelungen. Sie zeigt auf, wie wichtig es für den eigenen Seelenfrieden ist, sich selbst zu hinterfragen.

Es ist ein schwieriger Prozess. Aber Hanna gelingt es, zu akzeptieren, dass nicht alles messbar und von Erfolg gekrönt sein kann. Dass vieles im Dunkeln bleibt. Dass man die Fähigkeit entwickeln sollte, Erinnerungen zu akzeptieren. Gute und weniger gute.

Schön, dass sie irgendwann zu Fido sagen kann: «Du bist nicht mehr da, aber ich hab’ dich wieder.»

Sendung: Radio SRF1, BuchZeichen, 10.9.2017, 14.06 Uhr

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