Neu im Kino «Western» ist archaisch und zeitgenössisch zugleich

Filmemacherin Valeska Grisebach geht mit ihrem Western in den wilden Osten. Ein grosser Genuss.

Mehrere Männer laufen hintereinander. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein deutscher Film, gedreht in Bulgarien, auf starke, stille Weise unterhaltsam und relevant zugleich. Trigon Film

Da sind richtige Kerle am Werk. Männer, die mit Motorsägen umgehen können, mit Baggern, und mit Pferden. Mit Frauen tun sie sich dagegen etwas schwer.

Zu Beginn des Films versammelt sich die Bauarbeiter-Truppe rund um den Vorarbeiter Vincent (Reinhardt Wetrek) in einem Männerheim im Osten Deutschlands. Man scherzt und nimmt erste Witterung auf.

Arbeit und Abenteuer

Einer der Einheimischen fragt etwas erstaunt, was die Truppe denn vorhabe? «Na, arbeiten eben. In Bulgarien. Geld verdienen …» «Arbeiten kannst' doch auch in Deutschland …», meint der Mann verblüfft.

Klar kann man auch in Deutschland arbeiten. Aber für diese Kerle ist der Auftrag in Bulgarien nicht nur eine lukrative Gelegenheit. Es ist auch ein Abenteuer.

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Trailer «Western»

2:13 min, vom 6.9.2017

Deutsche in der Fremde

Ein Wasserkraftwerk soll gebaut werden, in der wilden bulgarischen Provinz von Blagoevgrad, an der Grenze zu Griechenland. Und diese Bautrupp-Söldner aus Deutschland kommen mit dem Know-how und den Maschinen.

Sie bauen ihr Barackencamp und ziehen die schwarz-rot-goldene Fahne hoch – was allerdings nicht alle von ihnen gleich schlau finden:

«Das glaub ich jetzt nicht!», schimpft einer. «Schon mal an die Einheimischen gedacht?» – «Ja, nur. Deswegen bauen wir ja ein Wasserkraftwerk.»

Ein Mann sitzt ohne Sattel auf einem Pferd. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schauspieler, grösstenteils Laien, sind perfekt besetzt, die Szenen so archaisch wie zeitgenössisch. Trigon Film

Raue Männer, wilde Gegend

Dieser Film beinhaltet tatsächlich alle Elemente eines Western. Raue Männer unter sich, in einer wilden, fremden Gegend, mit der Arroganz der Eroberer und dem Misstrauen der Einzelgänger.

Und einer von ihnen, Meinhart (Meinhart Neumann, eine schlaksige deutsche Reinkarnation des Original-Marlboro-Mannes) ist dann gar noch der grosse schweigsame Unbekannte. Der Vorarbeiter testet ihn gleich mal mit einem kaputten Baggerteil, fragt, ob er eher Grob- oder Feinmotoriker sei.

Der Neue besteht den Test mit fliegenden Fahnen, zwei Klicks und das Teil ist wieder funktional. Anerkennendes Nicken und dann gleich die Nachfrage: «Und, bist ein Schlitzohr?»

«Ich bin hier, um Geld zu verdienen», ist Meinhards ruhige Antwort.

Ein Mann zieht an einer Zigarette. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Meinhart Neumann – eine deutsche Reinkarnation des Original-Marlboro-Mannes – ist der schweigsame Unbekannte. Trigon Film

Der Einzelgänger als stiller Held

Was noch fehlt, ist der Konflikt mit den Einheimischen. Und auch der lässt nicht auf sich warten. Beim Baden am Fluss treffen die Männer auf ein paar Frauen aus dem Dorf, eine verliert ihren Sonnenhut im Wasser. Der Vormann schnappt sich den, provoziert die Besitzerin und die Frauen ziehen wütend ab.

Nun stehen die Fronten zwischen den Arbeitern aus Deutschland und den Menschen im Dorf. Und der einzige, der die Verständigung sucht, ist Meinhart.

Meinhart, der Schweigsame. Meinhart, der Reiter, der sich im Gebüsch einen Gaul schnappt und zähmt. Meinhart, der still und leise die schönste Frau im Dorf verführt und sich mit dem Capo anfreundet.

Archaisch und zeitgenössisch

Die Schauspieler, grösstenteils Laien, sind perfekt besetzt, die Szenen so archaisch wie zeitgenössisch. Die Kamera trägt das ihre bei zum Western-Feeling.

Zugleich ist «Western» ein hochmoderner Film, angesiedelt in der heutigen europäischen Ökonomie, mit sparsamen, hochpräzisen Dialogen und einer vibrierenden Spannung, die bis zum Ende vorhält.

Auf stille Weise unterhaltsam und relevant

Produziert hat übrigens die junge Firma um Maren Ade, die mit ihrem «Toni Erdmann» selber schon erfolgreich nach Osten vorgestossen ist.

Ein deutscher Film, gedreht in Bulgarien, auf starke, stille Weise unterhaltsam und relevant zugleich mit der europäischen Idee als der «final frontier» des alten Westens – dem weiten Land der grossen Hoffnung – und der scharfen Skepsis.

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Parallelen zu «Spur der Steine»

Gelegentlich kommen da Erinnerungen auf an Frank Beyers «Spur der Steine» von 1966. Da spielte der junge Manfred Krug den charismatischen Vorarbeiter der Zimmermanns-Brigade Balla. Die rauen Gesellen mischten jede Baustelle auf, widersetzten sich der Planwirtschaft der SED und klauten auch schon mal Baumaterial, um einen Auftrag rechtzeitig fertig zu stellen.

Auch Frank Beyer nutzte Western-Elemente, um das rebellisch-pragmatische Wesen seiner «Kerls» zu unterstreichen. Entsprechend schlecht kam der Film denn auch beim Zentralkomitee der DDR an. Sein Publikumserfolg wurde schnellstmöglich abgewürgt.

Ein Film, ein Genuss

Solche Schwierigkeiten hat Valeska Grisebach nicht zu gewärtigen. Ihr Film gehört zu den schönsten und klarsten, welche dieses Jahr aus Deutschland zu sehen sind.

Kinostart: 7.9.2017

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 6.9.2017, 17.15 Uhr.